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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-10 · Heft 1 (10.10.1916) · p. Seite 9

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 1 (10.10.1916)
Article
Wirtschaftliche Verwertung der brachliegenden ostjüdischen Arbeitskräfte
Date
1916-10-10
Page
Seite 9 (sequence 2)
Language
German
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9 weist eine solche Berufsgruppierung auf; kein anderer mußte schon durch die Wirkungen des Krieges so schwer wie dieser getroffen werden. Denn das ganze Wirtschaftsleben dieser Massen war nach dem Osten gerichtet Soweit sie dem Gewerbe angehörten, waren sie es überwiegend als Textilindustrielle, Weber im Lodzer Rayon, als Konfektionäre, Heimarbeiter der .Bekleidungsindustrie im ganzen Gebiete (dazu die Stickerei in Kaiisch, die Bürstenindustrie, die Zelluloidindustrie zu Tschenstochau und viele andere). Vom Osten bezogen sie ihr Rohmaterial, nach Osten arbeitete ihre Industrie, ihr Hausfleiß und vor allem ihr Handel. Rußland sah in seiner westlichen Ecke, im Ansiedlungsrayon der jüdischen Massen, eines seiner wichtigsten industriellen Zentren. Nach Innemißland richtete sich auch der Handel der industriellen Rohstoffe wie der Fabrikate, und der Handel mit Landesprodukten (Getreide, Flachs, Holz, Eier) war eng mit Riga und Odessa verknüpft. Als Händler, Gewerbetreibende und Handwerker hatten die Juden den gewichtigsten Teil der Stammesexistenz auf den Verkehr mit Innerrußland, Sibirien, Turkestan, bis nach Kleinasien hin aufgebaut. Diese Verbindung, die Lebensader des ostjüdischen Wirtschaftslebens, hat die Besetzung mit einem Schlage unterbunden. Die Textilindustrie verlor die Zufuhr an Rohmaterial, die vorhandenen Bestände wurden beschlagnahmt, die Fabriken stillgelegt. Damit mußte von selber die Heimarbeit in der Textilindustrie feiern, es verloren etwa 60000 jüdische Schneider ihr Arbeitsmaterial, und bald feierten mit ihnen der Materialnot halber die Kürschner und Sattler, die Gerber und Schuster, die Strumpfwirker, Färber. Tabakschneider zu vielen Tausenden. Mit ihnen verlor aber der ganze Fernhandel, die Seele des ostjüdischen Wirtschaftslebens, sofort allen Boden, und der Kleinhandel im Lande wurde mit dem wachsenden Warenmangel immer unbedeutender und zugleich immer heißer und unproduktiver umstritten. Weit größer als bei andern Stämmen wurde die Not; denn 1. besitzen die Juden so gut wie keinen Anteil an der Landwirtschaft. Diese erholt sich aber überall am leichtesten und schnellsten wieder von den Folgen des Krieges. 2. An den noch betriebsfähigen industriellen Unternehmungen, zumal den Kohlengruben nnd der Schwerindustrie von Tschenstochau und Dombrowa, waren sie schon vorher nicht beteiligt; jetzt ließ das Polentum schon deshalb jüdische Arbeiter nicht zu, weil 3. der Jude seiner religiösen Eigenart wegen (Sabbatfeier, Speisegesetze) sich zusammen mit christlichen Arbeitern in den Organismus einer Fabrik nicht einfügt; auch sich für die Schwerindustrie vorerst aus körperlichen und seelischen Gründen nicht eignet Schon im Juli 1915 wurden 825 000 Juden allein in Polen öffentlich unterstützt, das waren schon fast 45% der polnischen Gesamtzahl. Seitdem sind die kleinen Vermögen längst aufgezehrt, die großen schwinden zusehends; denn auch an den Lasten, welche die polnischen Städte durch Ausgabe von Kriegsnotgeld dauernd kontrahieren, ist die Habe der vermögenden Juden in hohem Maße mit beteiligt. Massennot und Massenelend sind für die Ostjuden die unmittelbaren Wirkungen der englischen Blockade; die Folgen sind Krankheiten und stark gesteigerte Sterblichkeit.

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