Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-10-01 · Heft 7 (Oktober 1938) · p. 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1938)
Article
Zu Martin Bubers Lehre von der Verantwortung
Date
1938-10-01
Page
292 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895580-2895587-2908600--10942-2908660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Berthold Weinberg: Zu Martin Bubers Lehre von der Verantwortung Ein Offener Brief an Martin Buber Hochverehrter Herr Professor! Das Studium dessen, was Sie über die Stellung und Aufgabe des Menschen, seine Verbindung mit dem Göttlichen und der Wirklichkeit öffentlich ausgesprochen und geschrieben haben, hat mich zu Betrachtungen und Fragen geführt, die ich Ihnen mitteilen möchte. Die Stellung des Einzelmenschen im Universum und zu den konkreten geschichtlichen Gemeinschaftsformen ist eines der Kernprobleme der Ethik. Diesem Problem gegenüber hat die Geschichte des Denkens im wesentlichen drei Haltungen herausgebildet: die eine will das Individuum von allen sozialen Bindungen loslösen, wobei sie ihm entweder den unmittelbaren Weg zum Universum öffnen will oder aber, alles Überindividuelle leugnend, das konkrete Dasein des Einzelnen zum obersten Wert erhebt. Die andere wertet den Einzelnen nur als Glied seiner Gemeinschaft, der er zu dienen und zu opfern hat. Die dritte sucht eine Synthese; sie bejaht die Gemeinschaft, ordnet jedoch das Leben des Einzelnen in der Gemeinschaft und für diese in höhere Bezüge ein, in die Verantwortung vor einem universalen Wesen, mag dieses Gott heißen oder mit dem Wort Menschlichkeit umschrieben sein. Einer der kühnsten Denker des Christentums, Kierkegaard, sieht den Weg des Menschen zu Gott nur da offen, wo jener ein Einzelner wird, d.h. aus allen irdischen Ordnungen heraustritt Das Judentum hingegen weiß Gott auch in den Ordnungen und Gestaltungen der Welt wirkend und weist dem Menschen die Aufgabe zu, durch sein Tun Gottes Reich auf Erden bereiten zu helfen. Von diesem jüdischen Gedanken der auf das irdische Leben wirkenden Macht Gottes geht nun wohl Ihre Lehre aus, die den Einzelnen zum Dienst in der Gemeinschaft aufruft, ihn jedoch dabei unter die Verantwortung vor Gott stellt. Der Mensch ist nach dieser Lehre im spezifischen Sinne überhaupt nur Mensch, sofern er, wie Sie es ausdrücken, dialogisch lebt, d. h. in der Verantwortung, in der allgegenwärtigen Partnerschaft des Anderen, 292

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.