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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 262

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
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Date
1938-09-01
Page
262 (sequence 2)
Language
German
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wesen ist, and zwar eine ganz besondere? Und daß er die heiligen Vorgänge wie Märchen behandelte und sie auch wie Märchen erzählte? Sehen Sie sich, wenn Sie können, seine »Krönung* in der Akademie in Florenz an und die paar Handzeichnungen, die in den Uffizien sind. Und wenn Sie dann noch die Madonna sehen, die er an die Wand des Hauses gematt hat, in dem die liebliche Lucrezia wohnte, dann werden Sie ahnen, daß dieser Mädchenräuber mit seiner sorglosen Leichtigkeit auch ganz gut im Frankreich Ludwigs XIV. hätte leben können. Ob ich oft in Florenz gewesen bin? O ja, ich kenne es recht gut, und auch die alten, kleinen Städte, von denen, es umgeben ist wie die Sonne von ihren Trabanten. Aber einmal bin ich hinübergefahren zur Adria. Auf eine kleine Insel, die in der bewohnten, Welt so gut wie unbekannt ist, und die man nur per Frachtdampfer erreichen kann. Vier Stunden Fahrt, und schon war man meilenweit entfernt von Zivilisation, Amüsement und Luxus. Was das Hotel anging, so nannte es sich zwar stolz ,Palace Hotel4, aber im ganzen hatte es nur vier bewohnbare Zimmer und eine Schankstube, die stets erfüllt war von dem Duft gebratener Fische. Es war romantisch und idyllisch zugleich, und das war wohl das Beste, was sich von diesem Ferienaufenthalt sagen ließ. Die Bewohner der Insel, die zumeist Fischer waren und Weinbauern, hießen fast ausnahmslos Benvenuto, und es war schwer, den einen vom andern zu unterscheiden. Abends, und auch manchmal am Tage, saßen sie am Hafen und warteten darauf, daß-ein Badegast sie auffordern sollte, ihn hinauszurudern oder hinauszusegeln — was aber, da die Badegäste sparsamer Natur waren, nur selten geschah. Hätten wir eine Kurliste gehabt, so hätte sie sechs Namen aufgewiesen: Adalbert, den Komponisten, zwei Maler mit ihren Frauen und mich. Der Dampfer hielt dort nur einmal in der Woche, und es. bestand demzufolge auch nur einmal" in der Woche die Möglichkeit, Post zu bekommen. Zeitungen und Telephon gab es nicht, und im Grunde gab es überhaupt nichts von dem, was für gewöhnlich zum Leben gehört. Aber der Wein war wunderbar in seiner süßen Schwere, und niemand, niemand hat je von mir den Namen dieser Insel erfahren ... Mögen Sie Parks? Ich habe von einem Mann gehört, der fuhr, als er aus dem Weltkrieg beurlaubt wurde, geradewegs von der Front nach Veitshöchheim, um sich daran zu erinnern, daß die Welt nicht immer ein Schlachtfeld war. Und ich selber fuhr, als ich in Paris war, nicht zuerst nach Versailles hinaus, sondern nach Meudon, wo über dem Dörfchen Mal Fleury Auguste Rodin seinen Wohnsitz hatte. In dem Park, in dem er alle Verschönerungen in Wirklichkeit umsetzte, die sein Geschmack erfand, hatte er, das wußte ich, auch Schwäne gehalten. Paul Gsell, sein getreuer Eckermanm, erzählt, wie zwei dieser Tiere einst fauchend und zischend auf ihn losgefahren seien, und daß er dieses unfreundliche Benehmen mit der 262

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