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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Eine Lücke [Rezension]
Date
1938-09-01
Page
261 (sequence 3)
Language
German
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die politischen, ökonomischen, religiösen und psychologischen Motive und Komplexe von allen Seiten kennenlernen. So erscheint uns auch Cbmielnicki selbst nicht mehr als der Satan der Legende, sondern nüchterner, entromantisiert, menschlicher; und eben weil er nicht aus persönlicher Rachsucht verfolgte, wirkt die jüdische Katastrophe um so tragischer.- Dieses menschliche Verstehen, dem uns die Wilnaer Publikation mit ihrer strengen und meisterhaften Wissenschaftlichkeit näher bringt, ist der beste Vorzug des Werkes. L.H. Zollrevision Der Zug hielt. Ein Mann in grüner Uniform betrat unser Abteil. „Haben Sie etwas zu verzollen?" fragte er. „Nein", sagte ich, „aber wenn Sie sich überzeugen wollen ..." Prüfend gingen seine Blicke über die wenigen Gepäckstücke, die im Netz lagen. „Ich habe gehört, daß Sie Europa verlassen. Und da pflegt man doch gemeinhin mehr mitzunehmen, als Sie hier in diesen Koffern verstaut haben..." „Sehr richtig", dachte ich, „und ich habe sogar auch etwas Kontrebande. Aber Sie werden vergeblich danach suchen. Denn sie ist nicht in diesen Koffern und auch nicht in den Kisten, die jetzt vermutlich schon auf dem Meer schwimmen. Ich habe sie wo anders verstaut. In meinem Hirn habe ich sie und in meinem Herzen. Und ich werde sie bei mir tragen, wo immer ich sein werde. Man erlebt ja so viel — und in der Erinnerung drängen sich tausend Gestalten, tausend Töne klingen auf... Hier zum Beispiel—dieser honigfarbene Duft. Was riecht nur so? Oh, das war die Riviera Ligure. So um Genua herum, wo Golumbus geboren wurde und Paganini begraben liegt. Und das Lied? Wo habe ich dieses Lied gehört? Das muß in Paris gewesen sein, an einem der Vorfrühlingsabende, wo der Himmel so unglaubhaft leuchtend und in sich verbrennend über der Stadt hängt. Haben Sie das einmal gesehen? und sind Sie einmal im Bois gewesen, wenn die Bäume noch ganz dünn belaubt sind und an den Kastanien die ersten Blättchen' hängen, Mein und schlaff noch wie Kinderhände, die sich müde gespielt haben...? Sie sollten versuchen, einmal dorthin zu kommen. Und auch nach Pistoja sollten Sie vielleicht einmal fahren. Das ist gar nicht weit von Florenz und so recht ein Bild' der großen Stadt im Duodez. Sie sehen schöne, wuchtige Renaissancepaläste dort, und in der unvermeidlichen Via Cavour gibt es ein Cafe, wo man des Abends vor der Tür sitzt und die Damen und Herren von Pistoja auf und ab spazieren sieht. Wenn Sie dies ausgiebig getan haben, dann fahren Sie bitte nach Prato. Dies ist der Ort, wo Fra Filippo Lippi seinen berühmten „Nonnenraub" ausgeführt hat. Vielleicht wissen Sie davon, es steht in allen Kunstgeschichten. Wissen Sie aber auch, daß dieser Filippo Lippi eine Poetennatur ge- 261

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