Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Israel und die Völker
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 237 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel und die Völker als anderswo entstanden vor unsern Augen sehen, gleich zwei Parteien vor ihrem Richterstuhle erscheinen, um ihre Rechtsansprüche geltend zu machen und sich diesem Richterspruche zu unterwerfen." Julius Guttmann hat mit Recht auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, die Steinheim durch seinen doppelten Gebrauch des Terminus „Vernunft" heraufbeschwört. Doch ist die Absicht klar: dieser kritischen Vernunft kommt ein neuer "Inhalt nicht aus ihr selbst, sondern von außen zu: „Wie wir ohne . . Raumsinne von der tast- und sichtbaren Welt nicht wissen könnten, so könnten wir nicht von der unsichtbaren wissen ohne das Wort, das wir hören, und so hat auch nach der Lehre des wahren Judentums Gott, der Geist der Geister, sich uns durch das Wort bekannt gemacht." So kann es zu der der paradoxen These der Israel Lipschitz ganz nahen Behauptung kommen, die Offenbarung „stehe im Widerspruch mit der Vernunft, sei aber dennnoch, oder vielmehr eben deswegen, der Inhalt der Wahrheit."' Aber die Völker? Sind sie ewig dem philosophischen Irrtum des Heidentums überantwortet? Nein — denn sie haben einen Lehrer: Israel! Darüber drücken sich beide Partner unseres Vergleichs mit fast den gleichen Worten aus, was um so mehr auffällt, als es zu Lipschitz' Vertröstung jener Völkerumkehr auf die messianische Zeit nicht eigentlich paßt, ihnen schon jetzt einen Lehrer zu geben. Trotzdem sagt er wörtlich, und zwar im Zusammenhang der oben zitierten Stelle: „Da gedachte Gott der gesamten Welt und seines Bundes mit Abraham, seinem Knecht, und erwählte seinen Samen nach ihm, daß sie Priester und Lehrer (Melamdim!) seien für den Rest derer, die auf die Welt kommen." Bei Steinheim heißt es: „Im Großen bietet unser ganzes Volk, als Träger der Offenbarungslehre' unter den 'wilden Ölbäumen des Heidentums' und als großes Seminar für arme, geplagte Völkerschullehrer, das große, ja das größte Beispiel und Vorbild des gemißhandelten Schullehrers, des verkannten 'Mannes der Schmerzen' dar, wie er im Einzelnen aus seiner Mitte und auch sonstwo angetroffen wird." Wir haben hier eine Form der Missionstheoi-ie vor uns, die nicht einfach mit der banalen Erklärung abgetan werden kann, daß sie die Tatsache der Zerstreuung unter den Völkern ideologisch beschönigen wolle. Dieses Äußere mag mitwirken, aber ein innerer Antrieb gesellt sich ihm zu: nachweisbar schon gelegentlich im Talmud, dann in Gabirols „Königskrone", Jehuda Halevis „Kusari", Maimonides' „Führer" — und hier doppelt eindrucksvoll als gemeinsame, doch voneinander durchaus unabhängige Manifestation zweier sehr verschiedenartiger, offenbarungsgläubiger Juden des gleichen Zeitraums. 237