Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1938)
- Article
- Israel und die Völker
- Date
- 1938-09-01
- Page
- 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon Die Analyse dieses merkwürdigen Stückes ergibt zunächst eine Fülle typisch aufklärerischer Elemente: das Vertrauen auf die Kraft — freilich nicht: Omnipotenz — des Verstandes; den Fortschrittsoptimismus gegenüber der Entwicklung der Menschheit, ja die zunächst geringere Bewertung der Fähigkeit Israels, Offenbarung zu empfangen, gegenüber der Eigenkraft der Völker, einen Teil dieses Offenbarungsinhalts selbst zu erzeugen, — eine Bewertung, wie sie meines Wissens erstmals in Macchiavellis „Principe" auftritt, jenem — unserem Verfasser natürlich unbekannt gebliebenen — frühesten Grundbuche der europäischen Aufklärung. Dort erhielt Mose in der Reihe der vorbildlichen Gesetzgeber Theseus, Alexander, Cäsar den geringsten Rang, weil er seine Verfassung nicht dem eigenen Verstand, sondern Gott verdanke. Aber diese Wertung, die für Macchiavelli ebenso revolutionär wie endgültig ist, weil sie die atheistische Selbstherrlichkeit des Individuums begründet, bleibt für R. Israel Lipschitz nur das vorletzte, nicht das letzte und entscheidende Wort. Dieses gilt Israel, dem Gottesvolke, das die Offenbarung unbeschadet aller individuellen Unterschiede erhielt und in ihrer zum Teil unverstandenen und unv erstehbaren Totalität befolgt. Die Kategorien der Aufklärung bestehen, aber sie gelten nur für die Völker, die sich selbst schufen, nicht für das Volk Israel, das von Gott geschaffen ist. So löst sich für Israel Lipschitz der Konflikt zwischen „Außen" und „Innen", die Spannung zwischen „Jenner" und seiner Pockenimpfung — und der Tora Mosis. Sehr ähnlich ist die Lösung Steinheims, wenn auch die persönlichen Bildungsvoraussetzungen verschieden sind: er hat dem großen Talmudisten gegenüber nur ein Minimum an ureigener jüdischer Bildung, lebt aber in der philosophischen, literarischen und naturwissenschaftlichen Kultur seiner Zeit und ist in vielen ihrer Teilgebiete mit eigenen künstlerischen oder gelehrten Werken hervorgetreten. Steinheim unterscheidet zwei Arten von Vernunft: die schöpferisch-architektonische., die er verwirft und den heidnischen Philosophen zuweist. Sie baut „aus eingeborenen Anschauungen und Begriffen ein Gebäude auf, ein System, und führt dies auf einen höchsten Begriff hinaus, in welchem sie das Welträtsel gelöst haben will". Dieser architektonischen Vernunft entspricht bei Israel Lipschitz der Verstand der Weltvölker, die „sich selber gemacht haben". Neben ihr gibt es für Steinheim die Vernunft ,„als ein kritisches, richterliches Vermögen". Neben jener und vor dieser kann die Offenbarung bestehen. Beide — das spekulative System und die Offenbarung — erscheinen vor dem Richterstuhl der kritischen Vernunft: „Deshalb fordert sie auch mit unerbittlicher Strenge, daß beiderlei Systeme, das, was wir selbst erbauen, wie auch das, was wir 236