Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Wissen ist Trost
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 215 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895585-2908436--10816-2908499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
keit zu entschlagen; im Gegenteil, er hat ihn nur noch aufmerksamer, noch gründlicher zu studieren. Dann wird ihm, zu seiner Beschämung, etwas aufgehen: nämlich daß die Großen aller Zeiten auch ihren Durst erst einmal haben stillen müssen, bevor sie selber zu Brunnen und Quellbrunnen wurden, und daß wohl jeder von ihnen seinen ersten Trunk aus der Bibel getan hat. Dante, Shakespeare und Goethe —: ihr Werk ist die Summe allen Gefühls, aller Handlung und aller Erkenntnis; aber diu, Jude, der du in, mit und von ihnen lebst, darfst es dir nicht daran genaig sein lassen, daß du für jede Lebenslage eines von ihren geflügelten Worten zur Hand hast — dich verpflichtet deine Herkunft dazu, daß die von dir verehrten Meister dich nicht übertreffen dürfen an Kenntnis deiner selbst, deines Stammes und deiner alten Kultur. Der aufgeklärte Israelit, der den Faust auswendig kannte und nicht wußte, daß es ein Buch Hiob gibt, — dieser Typus ist nicht Erfindung eines Satirikers, sondern eine Massen erscheinung gewesen, vielleicht gar: geblieben. Nicht darum etwa geht es: nur einen dummen Stolz heranzuzüchten, daß wir, das heißt: unsere Ahnen, sozusagen der Anfang von allem gewesen sind, — sondern um die Verpflichtung zum reinem, nüchternen, positiven Wissen. Emanuel bin Gorion Karl Loewith, Jacob Burckhardt Der Mensch inmitten derGesdtidite Vita Nova Verlag, Luzem 1.936 (380 Seiten) Karl Loewith, ein Schüler Heideggers, der frühzeitig eigene Wege ging, läßt seinem bedeutsamen Nietzschebuch (Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkunft des Gleichen, Berlin 1935) ein nicht minder bedeutsames Buch über Jacob Burckhardt folgen, das im Stile bester akademischer Tradition das geschichtsphilosophische Werk und das geschichtliche Bewußtsein des großen Baseler Professors interpretiert, mit den Werken der großen Zeitgenossen in Verbindung setzt und ad majorem gloriam Burckhardts kritisch von ihnen abhebt. Loewiths eigener Weg zurück von der Beschäftigung mit dem „Schüler", der eine neue Welt entdeckte, an der er zugrunde ging, zum „Lehrer", der das Kommende durchschaute, indem er die alte Welt zu konservieren strebte, hat mehr als zufällige Bedeutung. In dieser Reihenfolge bezeugt sich, wenn wir richtig sehen, eine durchaus typische Entwicklung, die zum kulturkonservativen Skeptizismus Jacob Burckhardts führt — „als dem gediegenen Resultat einer Betrachtung der geschichtlichen Welt". Den Untertitel dieses Buches muß man mit der richtigen Betonung lesen, wenn man die eigentliche Tendenz des Verfassers erkennen will: der Ton liegt für ihn nicht auf dem Wort inmitten, sondern auf dem Wort Mensch. Der Mensch, wie er in allen Wandlungen „immer war, ist und sein wird", also das ewig Menschliche wird den Mächten und Gewalten der Geschichte entgegengestellt. Man nennt dies die humanistische Position. Es ist bei Burckhardt — dies macht Loewith dankenswert deutlich — die tiefste und wissendste Lebens- 215