Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Wissen ist Trost
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 214 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wissen ist Trost Der Jude, der an der europäischen Kultur gebildet wurde, sich irgendwelcher Isolation lebenslang nicht bewußt war und unvermutet erfährt, daß er ohne Heimat ist — woran soll sein Geist sich klammern? Die Spur der Jahrtausende, die sein Stamm schon fern dem Mutterboden weilt, vermag der späte Erbe in sich nicht mehr zu tilgen; er konnte sich vielleicht noch zum Weltbürger vorentwickeln — in die verlassene Schale zuTÜckzukriechen, vermag er nicht mehr. Die Religion hat aufgehört, ihn zu wärmen; die Norm hat er abgestreift mit allem Mittelalter, die Symbole haben ihre magische ■Wirkung für ihn verloren; vielleicht ist er schon, mit Spinoza, aus der Synagoge herausgeschritten; er kann nur noch zweifeln und grübeln, der Glaube ist ihm abhanden gekommen. Es fehlt nicht an Vorwürfen, vielleicht auch nicht an Selbstvorwürfen — nun, nachdem man, in des Weges schönster Mitte, plötzlichim finstersten Dickicht sich findet. Ketzer, Abtrünniger, Renegat, Assimilant — so ruft es um ihn und in ihm — du hast deinen Weinberg im Stiche gelassen, und nun bist du selber verstoßen und ausgesetzt. Das beiseitegeschobene Bekenntnis und das verleugnete Volkstum, beide bieten sich ihm verzeihend an. Aber ist es Trotz, ist es Scham — oder gar das Gefühl, das Rätsel, an dessen Vorhandensein man nicht geglaubt hat, könne nur, da es entdeckt ist, nicht so schnell, nicht so einfach und nicht so glatt gelöst werden: mancher, wenn er nun auf einmal dem Anruf seiner Brüder im Glauben und BLut gehorchte, käme sich wie ein Heuchler vor, wie ein Nutznießer der Gelegenheit. Wie also soll er wirklich leben, wofür wirken und wovon sich tragen lassen? Europa ist seine Amme gewesen; sein Lebtag hat er um den Unterschied zwischen Milchsohnschaft und Blutsohnschaft nicht gewußt; und nun auf einmal muß er die Ziehmutter verlassen. Da er ihr Dank schuldig ist, ist er ihr auch Gehorsam schuldig, und, statt mit ihr zu rechten, wird er auch noch in ihrem Bannspruch den Spruch des Schicksals .vernehmen und sich fügen lernen ohne Bitterkeit? Aber so gelassen er das Unglück tragen mag, irgendein Trost muß ihm gereicht werden, wohlgemerkt: ein Trost nicht sentimentaler, sondern geistiger Natur. Dem Dichter gab ein Gott zu sagen, was er leidet; der Mensch in seiner Qual verstummt, weil er nicht weiß, warum er leidet. Hier ist die Wurzel der Tragik des Weltjuden von heute: er begreift nicht, warum ihm geschieht, was ihm geschieht. Der Jude der alten Zeit überwand die Schrecken der Zeit, denn er sagte sich: Gott hat uns für unsere Sünden gestraft. Wo findet der heutige eine Erklärung für das, was ihm widerfährt, ohne daß er sich von dem loszusagen braucht, was ihm so lange Ersatz für alle Tradition gewesen ist: die schönen Künste, die Wissenschaft? Er braucht sich keineswegs des Vorrats der geschaffenen Geistig- 214