Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Umgang mit Andern
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 195 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umgang mit Andern bis sie sich endlich,, und dann fast an der Ausgangsstelle, niederlegt und nun wie tief befriedet sofort einschläft. Ein Tier, aus der Freiheit und Gefahr der unbeschränkten Natur stammend, behält eingeborene Bewegungen bei: ehe es sich zur Ruhe legt, ehe es frißt, bevor es seinen Kot der Erde wiedergibt — alles Tätigkeiten einer tiefen Konzentration, welche nicht gleichzeitig die Beobachtung und achtsame Wachheit für die Umwelt gestatten —, nimmt es noch einmal im drei- bis siebenfachen Kreise den Eindruck der Umwelt in sich auf für solche Versenkung, sichert es nochmals sein einmal geschenktes Leben vor äußerem Zugriff. Es macht einen Umgang um sich selbst, die Welt erkennend, Gefahr und Not, zur Ruhe für die volle Hingabe an inwendiges Tun. Bevor man also als Mensch sich zu einer echten Tätigkeit niederlassen kann, sollte man vielleicht dem Sinn der wilden Tiere folgen und sich zuvor umsehen in weitem Gang um das Selbst im Innern, mit weitem Blick für das Du im Außen. Jeglicher Umgang setzt einen ruhenden Mittelpunkt voraus, der gelassene Betrachtung erst ermöglicht. Wenn nun aus solch ruhendem Schwingen die Zuwendung an ein Du erwächst, dann fällt eine der größten Gefahren menschlicher Beziehung von uns ab: daß wir nämlich meinen, handelnd eingreifen zu müssen in den Lebensbereich irgendeiner arideren Kreatur. Wir haben uns angewöhnt, den Forderungen "des Tages, Menschen und Dingen, mit einer bestimmten, oft nicht mehr bewußten Haltung zu begegnen. Wir würden uns aber tief mißkannt fühlen, wenn nun jemand diese im anfordernden Tagesleben erstarrte Gebärde für unser ganzes Sein halten wollte. Und so wie wir selbst wissen, daß wir in dieser festgewordenen Art der Erscheinung uns nicht gänzlich ausdrücken — weil unser Herz etwa zu zage unter dem Schutz seines knöchernen Panzers schlägt oder unsere Sinne zu feinfühlig auf die Eindrücke der Außenwelt reagieren oder unser Hirn zu unsäglich Gottes Welt nacherschaffen möchte —, so dürfen wir aus dem gerechten Sinn der Ebenbürtigkeit keineswegs vermeinen, ein anderes Wesen, ein anderer Mensch sei nur seine uns dargebotene Person oder Maske. Wie also ist ein Umgang niit andern* Wesen möglich? Kein Tun auf der Welt kann rein wirken, rein empfangen, rein angenommen oder rein abgelehnt werden als aus der Liebe des Herzens, und also ist der Umgang mit irgend etwas auf der Welt — mit sich selbst, mit Kindern, mit Steinen, mit erwachsenen Menschen — fruchtbar nur aus der Liebe des Herzens. Es gibt kein Wort, das nicht auch mißverstanden wird und werden kann; so auch das Wort Liebe. Es gibt nichts auf der Welt, das, in Demut empfangen und angenommen, nicht zu echter Erkennt- 795