Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Ferne
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 181 (sequence 1)
- Language
- German
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Leo Baeck: Die Ferne In der allgemeinen Auffassung und auch in geschichtlichen Darstellungen wird nicht selten die Meinung geäußert, daß erst das vorige Jahrhundert den Gesichtskreis der Juden gedehnt, ihren Blick über die Enge hinausgelenkt habe. Es ist sicherlich richtig, daß diese Zeit den Juden in die europäische Bildungswelt hineingestellt und ihm Bezirke erschlossen hat, die ihm bis dahin unbekannt oder verwehrt gewesen waren. Sein Platz wurde geräumiger, sein Dasein mannigfaltiger, er hörte nun andere Stimmen. Aber es darf hierüber doch nicht verkannt werden, wie sich damals sein Ausblick auch zu beschränken begann, wie der Weg aus seinem Mittelalter in seine neue Zeit, der ihn ins Freie zu leiten versprach, ihm so manche Höhe und Weite genommen hat. Für das jüdische Denken und Sinnen in damals vergangenen Tagen war es bezeichnend gewesen, daß es zu den Bahnen des Kosmos hinzog. Die Welt, die von den Gestirnen herschaute, gehörte zu ihm. Es war, wie wenn die Gassen des Ghetto übergingen in die Straßen des Alls — in sie vorerst und nicht in die Wege ringsumher. Im Buch von dem „Sohar", dem „Lichtesglanz", ist von der ewigen Musik gesprochen, in der sich Bund und Weg der Gestirne, in der sich Sinn und Gang der Offenbarung ordnen. Von ihr her klang es in jede Enge hinein; die Seele des Juden vernahm sie, er hörte die Fernen. Aber er sah auch über trennende Gebirge und Meere hin. Man vergißt oft, welche Erstreckung die geistige Gemeinschaft der Juden damals besaß. Wenn wir etwa aus Mesopotamien, in der Zeit vom 9.—12. Jahrhundert, erfahren, daß ein Lehrer aus Sura mit der spanischen Gemeinde Lucena im Briefwechsel stand, daß zu einem Lehrer in Pumbedita Schüler von Italien und von der pyrenäischen Halbinsel kamen, daß ein Mann aus Kiew sich an einen Lehrer in Bagdad mit der Bitte um einen Rechtsbescheid wandte, oder wenn wir wissen, daß die Werke Raschis, des Lehrers aus der Champagne, ein Jahrhundert nach seinem Tode in Turkestan, in Urgendsch gekannt sind, dann begreifen wir den Bereich jüdischen Lebens in jener Zeit. Auch Entdecker- und Abenteurerfreude hat Juden damals in die Ferne geführt. So mancher ist, um zu suchen und zu sehen, nach sagenumwobenen Ländern des Ostens gezogen, so mancher war unter denen, die in den Tagen des Kolumbus und des Vasco da Gama nach neuen Straßen des Meeres hinausfuhren, so manche waren unter den merchant adventurers und den 181