Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Zur jüdischen Geschichte [Rezension]
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 171 (sequence 1)
- Language
- German
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Zur jüdischen Geschickte von Dubnow eine kleine Ausgabe, deren erster Band soeben erschienen ist1). Sie trägt den Charakter der großen Ausgabe, nur fehlen das wissenschaftliche Beiwerk, die Exkurse und Noten, die reiche Bibliographie; dafür ist die Sprache oft straffer und prägnanter. In der Einleitung stellt Dubnow noch einmal seine Auffassung klar. Er betrachtet „das jüdische Volk nicht mehr als Objekt eines von außen her waltenden Geschickes und auch nicht als bloß auf geistigem Gebiete schöpferisch..., sondern als Subjekt und Schöpfer auf sämtlichen Lebensbereichen." Zwei kurze Zitate mögen noch den Unterschied des „kleinen Grätz" und des „kleinen Dubnow" aufzeigen. Bei Grätz heißt es (I, 12): „Der so spät erkannte und doch erhebende Gedanke, daß der allgewaltige und ordnende Geist, der in der Natur waltet, auch die Geschichte leitet, daß der Gott der starren Naturgesetze auch derselbe ist, der sich in dem Auf- und Niedergang der Völker kundgibt, dieser Gedanke ist ein Erzeugnis des Volksstammes, dessen Auge durch seine Geschichte und seinen weiten Gesichtskreis einen geschärften Blick für das Außerordentliche und Wunderbare erlangte." — Dubnow dagegen (I, 25): ,-,Die Offenbarung Gottes ist nach der Bibel dem aus Ägypten gebürtigen Leviten Moses (schon der Name jMoses* ist ägyptischen Ursprungs; vgl. z. B. Tut-Mosis) im der Horeb- oder Sinai-Wüste zuteil geworden. Der Gott dieses J> Simon Dubnov: Weltgeschichte des Jüdischen Volkes. Kurzgefaßte Ausgabe in drei Bänden. I. Band: Die Orientalische Periode in der Geschichte des Jüdischen Volkes. In Verbindung mit dem Verfasser bearbeitet von Dr. A. Steinberg. Berlin, Jüdischer Verlag. Mit der Wissenschaft des Judentums begann die moderne jüdische Historiographie, die nicht mehr in theologisch ausgerichteten Chroniken, die Ereignisse der Vergangenheit darstellte, sondern lieber auf ernstes Quellenstudium gestützt, eine neue Sicht der Geschehnisse gab. Nach den Büchern von Jost (1793 bis 1860) und nach anderen Einzelabhandlungen hat Heinrich Grätz als erster die gesamte jüdische Geschichte dargestellt. Er schrieb ein gewaltiges Werk mit tiefer Sprachkenntnis und gründlichem Wissen, das trotz methodischer Mängel und mancher späteren Richtigstellung seine Geltung behalten hat. Simon Dubnow, der heute 77jährige jüdische Historiker, ist Grätz' Nachfolger. Seine ursprünglich russisch geschriebene „Weltgeschichte des jüdischen Volkes von seinen Uranfängen bis zur Gegenwart" (10 Bände, deutsche Ausgabe 1925—1929) umfaßt zum ersten Male seit Grätz die gesamte Zeit und den gesamten Raum der jüdischen Geschichte. Dubnow ist «in besonderer Kenner Osteuropas; aber nicht nur in den Bänden, welche die Geschichte der Juden in jenen Ländern behandeln, ist er wegweisend. Wie Grätz, so hat auch Dubnow seine Mängel; die enge nationale (nicht: zionistische!) Auffassung, die Überbetonung der „bio-soziologischen" Grundlage lassen viele Erscheinungen und Gebiete zu kurz kommen und stellen sie in ein nicht immer klares Licht. Wie von Grätz, so gibt es auch in