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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 135

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Evian oder der Wille zum Leben
Date
1938-07-01
Page
135 (sequence 3)
Language
German
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Evian oder der Wille zum Leben Hunger nach fähigen Händen, nach denkenden Köpfen — inmitten dieser Welt sollte das jüdische Wanderungsproblem zu einer sehr übersehbaren und sehr lösbaren Aufgabe zusammenschrumpfen: ein Zwerg, mit dem sich zu messen ritterliche Tat besser taugt als der krampfhafte Kraftaufwand der Welt. Die Juden in Mitteleuropa würden sich mit dieser Zwergenrolle nur zu gern zufrieden geben. Sie haben nie nach Riesenmaßen begehrt, und nun, da selbst ihre normale Gestalt ihnen zu einer täglich schwerer tragbaren Last geworden ist, könnte ihnen keine größere Wohltat widerfahren, als daß sie für einige Zeit von der Tagesordnung der Welt verschwänden. Könnte man in den Seelen der Vielen lesen, die heute von ihrem Judesein nur noch als von einem Leidensschicksal wissen und sich über ihre zeitlichen Schmerzen hinweg zu dem Bewußtsein einer überzeitlichen Berufung nicht mehr emporzureißen vermögen, so fände man sogar manches in ihnen, was über das Zwergenbild des Märchens noch hinausginge. Untrügliche Anzeichen deuten auf das sehr verbreitete Wunschziel einer Flucht aus dem Judentum, wohin immer Fluchtmöglichkeiten bestehen. Eine Judennot großen Ausmaßes, aufprallend auf ein in allen Grundlagen erschüttertes Judentum, konnte nicht verfehlen, solche Erscheinungen nach sich zu ziehen. Darum ist es ein Glück, daß dem Lebenswillen der Gemeinschaft, der in sich vielleicht bedroht wäre, keine Selbstbestimmung gegeben ist. Die Grenze, die seiner Selbstflucht gesetzt ist, besteht in dem Lebenswillen der die Gemeinschaft tragenden Einzelmenschen, in dem auch ihre eigene Fortexistenz dauerhaft bewahrt ist. Was jeder für sich erstrebt, bis in die Verzweiflung hinein und oft über sie hinaus, was jeder jetzt aufs neue mit dem Begriff Evian verbindet, das ist — wir sagten es oben —: weiter zu leben. Der Lebenswille der jüdischen Gemeinschaft mag angegriffen sein, der Lebenswille des einzelnen Juden ist es, von im Gesamtbild durchaus verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nicht. Ob dieser individuelle Beharrungswunsch sich als Mensch zu bewahren sucht oder als Jude, ist eine müßige Frage; indem er sich als Mensch bewahrt, bewahrt er sich als Jude. Daß Millionen jüdischer Menschen ihren Blick auf Evian richten, weil sie leben wollen, ist abgesehen von jedem möglichen oder unmöglichen Ergebnis der Konferenz heute ein großer, ein einziger Trost. Denn die Zuversicht hat uns nicht verlassen, daß da, wo jüdische Menschen leben, auch Judentum leben wird. E. R.-J. i35

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