Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1938)
- Article
- Evian oder der Wille zum Leben
- Date
- 1938-07-01
- Page
- 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Evian oder der Wille zum Leben Name Evian mit nichts anderem als der nüchternen, fast schon zur harten Pflicht erstarrten Forderung: weiter leben. Und doch ist es schon eine Wohltat, die Blicke überhaupt wieder einmal auf einen sichtbaren Punkt richten zu dürfen. Seit Monaten hatte sich der Druck gestaut, ohne einen Auslaß zu finden. Jetzt stößt die gedrängte Kraft pfeifend und zischend durch das Ventil der Hoffnung: Evian. Die jüdische Presse hat eine aktuellere Note erhalten, die Arbeit der Ämter einen neuen Auftrieb. Das ausweglose Grübeln der Menschen ruht einen Augenblick aus, es schöpft Zuversicht aus einem Kalenderdatum: „Vielleicht — nach Evian..." Wissen die Männer, die sich in Evian versammeln werden, worum es geht? Spüren sie hinter Memoranden und Statistiken die Wucht von Hunderttausenden andrängender Menschenschicksale? Man hört von den Delegationen und ihren Führern, von mutmaßlichen Stellungnahmen und vorläufigen Presseerklärungen, man hört von zu ernennenden Ausschüssen und Unterausschüssen und man hört schon hier und dort von Verwahrungen, von Versicherungen, was man nicht tun werde. Was man nicht hört oder vielmehr seit dem einberufenden Appell nicht mehr gehört hat, ist das große schöpferische Wort, das bürokratische Bedenken über den Haufen wirft und eine Atmosphäre schafft, in der das einzige Problem der Tagesordnung sich in den bescheidenen Ausmaßen enthüllen kann, die es vor dem Aufgebot einer in dreißig Staaten repräsentierten Welt in Wirklichkeit hat. Eine klassische Erzählung, deren ernster gesellschaftskritischer Sinn im Bewußtsein ihrer Leser dadurch verfälscht ist, daß man sie als Jugendmärchen mißverstand, berichtet von den Abenteuern eines Mannes namens Gulliver, der nacheinander ins Land der Zwerge und ins Land der Riesen geriet, und, obwohl normal gestaltet und von durchschnittlichem Wuchs, in dem einen als Riese und in dem andern als Zwerg angestaunt wurde. Mit dem mitteleuropäischen jüdischen Wanderungsproblem könnte es eine ähnliche Bewandtnis haben. Vor unserem eigenen kleinen Können und vor unseren eigenen matt gewordenen Seelen türmt es sich zu unüberwindbarer Größe empor: ein Riese unter den Zwergen. In der Mitte der Welt, mit ihren weiten, der Erschließung harrenden Räumen, mit ihren noch lange nicht voll entwickelten gegenseitigen Beziehungen, mit ihrem 134