Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
Mahaschawi und die Landwirtschaft
Date
1938-06-01
Page
104 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895580-2895583-2908264--10651-2908309
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

M. Y. Ben Gavriel Eigenschaften von einem Erlösungsdrang, von einem Erlösungsimperialismus sozusagen besessen, der sich darin äußerte, daß er jedes Vierteljahr für eine andre ethische oder soziale Idee Propaganda machte. Eines Tages nun bekam er es mit der Idee „Erlösung des Bodens durch Landwirtschaft" zu tun. Er beschloß, die letzte Konsequenz ziehend, alles andere stehen zu lassen und Landwirt zu werden. Er besaß zwar nicht mehr Boden als den, der sein Haus und seinen Garten trug, und nicht mehr Kenntnisse von der Landwirtschaft, als man aus den gelegentlichen Wirtschaftsberichten der Zeitungen erwerben kann, aber er ging hin, riß die Zwischenwand zwischen zwei großen Zimmern seines ziemlich geräumigen Hauses weg und nannte den so gewonnenen Saal „meine Scheune". Aber nicht genug damit: als zufällig ein Bauer in Geldschwierigkeiten kam, kaufte Mahaschawi ihm seine Gerstenernte ab und schüttete die ziemlich große Menge in seiner „Scheune" auf. Tag für Tag stand Mahaschawi nun am Gitter seines Gartens und lud die Vorbeigehenden ein, seine Ernte zu besichtigen, watete mit jedem Besucher ein paar Schritte in die Gerstenmasse hinein, ließ die Körner von einer Hand in die andre rinnen und tat überhaupt sehr fachmännisch-zufrieden. Eines Tages fuhr er sogar nach Tel Aviv und kaufte sich ein „Lehrbuch für die Landwirtschaft". Da er aber keinen allzu großen Genuß an den ziemlich trocken gehaltenen Tabellen fand, legte er es bald beiseite und verfolgte lieber mit ungeteilter Aufmerksamkeit die Schwankungen auf dem Gerstenmarkt, wie der Wochenrapport der Regierung sie erkennen ließ, — bis eines Tags einer der Bauern so im Vorbeigehen einen Blick auf die gewaltige Gerstenmasse und einen zweiten auf das von jeder Zugluft abgeschlossene Zimmer warf und sagte: „Höre einmal, ich will die Wurzel einer abgefruchteten Bananenstaude sein, wenn dir dein Korn nicht bald verbrennt." „Verbrennen?" fragte Mahaschawi mit einem Gesicht wie ein Kind, dem man zum erstenmal von den Wundern des heiligen Roosevelt in Amerika erzählt, „verbrennen? Wie . . . warum . . . wodurch verbrennen? Kein Feuer in Greifweite." „Höre", sagte der andere, „besser hättest du zuerst dein Buch gelesen und dann erst die Gerste gekauft; dann wüßtest du, daß man Getreide von Zeit zu Zeit umschaufeln muß, damit es nicht infolge der natürlichen Entwicklung eigener Wärme verbrennt." „Eigene Wärme?" antwortete fassungslos Mahaschawi, „. . . eigene Wärme? . . . hm . . . hm . . . eigene Wärme . . . verflucht, das ist so eine Angelegenheit. . ." 104

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.