Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 102 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Picard: Erinnerung eigenen Lebens (SMuß) Wenn ich zurückschaue, so zeigt sich die seltsame Fügung, daß ich fast genau alle zehn Jahre seit meiner Geburt in eine neue Phase des Lebens getreten bin; zunächst äußerlich und räumlich, aber auch für das Wachstum des inneren Wesens: die ersten zehn Jahre auf dem Dorfe, die bildsam waren für die Zukunft und die Grundvoraussetzungen schufen; dann zehn Jahre des Aufenthaltes in der kleinen Stadt und der wissensmäßigen Bildung, die eine humanistische war; danach weitere zehn in verschiedenen großen Städten, wo ich auf die Welt außerhalb meines eigenen Kreises traf, und schließlich die, die mit dem Krieg begannen und mich in ganz neue menschliche und bürgerliche Verhältnisse aus dieser großen Erschütterung heraus nach der rheinischen Stadt führten; und fast genau nach Ablauf dieses Jahrzehntes brachte mich das persönliche Schicksal zusammen mit dem großen Umsturz wieder in die Stille und Gesammeltheit der heimatlichen Landschaft, die der ursprüngliche Nährboden gewesen ist und in der ich seither wieder lebe, im Bewußtsein eines Endes infolge des allgemeinen tragischen Geschehens, das mir doch den lang gehegten Plan verwirklichen half, gerade hierher zurückzukehren, um das zu gestalten, wonach es mich seit Jahren gedrängt hatte. Spät bin ich geistig reif geworden; noch als ich aus dem Kriege zurückgekehrt war, spürte ich mich unfertig und noch im Wachsen. Jetzt erst scheine ich am Ziele meines inneren Wesens angelangt zu sein, da es wieder aufbrechen heißt und wandern. Dieses also ist der Versuch, den Rahmen meines Lebens darzustellen, des Lebens eines jüdischen Menschen in der Mitte seiner Tage um diese Zeitenwende vor dem Ausgang des letzten Jahrhunderts über dessen erste Jahrzehnte hinweg. Und natürlich kann man fragen, ob eine solche Lebensüberschau in mittleren Jahren nicht vermessen sei, ja anmaßend. Aber wenn es sonst üblich ist, erst gegen das wirkliche Ende eines Menschenlebens sich darüber Rechenschaft abzulegen, wenn alles bei einem Einzelnen sich dem Tode zuneigt und vergangen ist, so darf ein jüdischer Mensch heute in Deutschland, dessen Lebenshauptteil sich vor der Wandlung unseres Daseins abspielte, vielleicht doch sagen, daß sein Früheres so vorbei ist, als sei er dem Ende nah, ja als sei er schon gestorben. Ja, niemand, der früher seine Erinnerungen aufzeichnete, konnte es so sehr aus dem Gesichtspunkt des unwiederbringlich Abgeschlossenen tun wie wir 102