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Der Morgen · 1938-05-01 · Heft 2 (Mai 1938) · p. 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1938)
Article
André Maurois als Geschichtsschreiber [Rezension]
Date
1938-05-01
Page
88 (sequence 3)
Language
German
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dem Ministerrat nicht präsidierte, die Institution des Premierministers. Bekanntlich sind die Namen der Parteien der Tones und der Wigs aus denen von Parteigängern in den Kämpfen mit den Schotten und Iren entstanden. Neben der Politik und der Wirtschaft zieht Maurois Geistes- und Kulturgeschichte zur Erhellung heran: bei Elisabeth vergißt er nicht zu erwähnen, daß aus der Form des Herbergshofs, in dem das Globetheater ihres größtenUntertanen Shakespeare spielte, wahrscheinlich unsere Einrichtung des Logentheaters hervorgegangen ist, und es ist aufschlußreich, daß er aus den Theaterstücken von Wicherley, Congreve und Gay in anderem Sinne auf die Sittengeschichte der Zeit schließen kann als aus der neuen Aufrichtigkeit der Huxley und Lawrence auf das Nachkriegsleben des young merry England. Die Mittel, deren Maurois sich bedient, um einprägsam zu sein, wechseln von haftenden Anekdoten, wie die wohlhabenden Bürgerfrauen dem hübschen amourösen König Eduard IV. Umarmungen mit stattlichen Geldmitteln belohnen, bis zu grundlegenden Mitteilungen stammeskundlicher und sprachwissenschaftlicher Art. Die Urbevölkerung Englands gehörte der Mittelmeerkultur an, keltische Einwanderer bestimmten den Idealtypus der Rasse: die Römer bezeichneten die Schotten als „Pikten", das heißt: die Bemalten, weil sie sich den Leib in lichten Tönen bemalten, um ihrem hellhäutigen keltischen Idealtypus nahe zu kommen. Aus der Römerzeit stammen die Städte mit den Endungen cester und ehester („castra": Lager), aus angelsächsischer die Grafschaften, die„shires", in die das Königreich eingeteilt war und deren Grenzen bis auf den heutigen Tag die gleichen geblieben sind. Nach der normannischen Eroberung sprach die Oberklasse französisch, das Angelsächsische wurde bloße Volkssprache ohne Grammatik und ohne Stil; daraus, daß das Englische drei Jahrhunderte lang nur Volks-, nicht Schriftsprache war, erwuchs seine besondere Geschmeidigkeit. Erst allmählich gingen Worte der normannischen Herren in die Sprache der sächsischen und dänischen Bauern ein, wobei mancher Bedeutungswandel bezeichnend ist: so wurde das französische „preux" (tapfer) zum englischen „proud" (hochmütig). An sich liegt die englische Küste zwischen romanischem und germanischem, heute französischem und flämischem Sprachgebiet; durch die dynastische und die Kriegsgeschichte verstärkte sich der Anteil der französischen Sprache und Kultur. Trotz seiner Insellage ist dieser „Nachbar, aber nicht Teil des Kontinents" mit allen Problemen der Zeit und der Welt verknüpft, und die Lebendigkeit von Maurois* Geschichtsschreibung wird vielen Lesern ein Wissen spenden, nach dem sie verlangen. Lutz Weltmann * Die Bibelworte zu Beginn dieses Heftes folgen der Uebersetzung der von Harry Torczyner herausgegebenen Berliner Bibel. Die Zusammenstellung besorgte Günter Friedlaender. 88

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