Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- André Maurois als Geschichtsschreiber [Rezension]
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 87 (sequence 2)
- Language
- German
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innerung geschichtlicher Feindschaft auslöschen konnte. Andre Maurois geht von der geographischen Lage der Insel aus, die ursprünglich mit dem Kontinent verbunden war, so daß tausende von Jahren die Themse sich in den Rhein ergoß, leitet aus dieser Insellage die innere und äußere Politik Groß-Britanniens unter einer schützenden Flotte ab und schließt mit dem Ausblick auf die veränderte Lage durch die Flugzeuge und das Aufkommen neuer Regierungssysteme. Die Beschaffenheit der Küste war dazu angetan, fremde Eroberer ins Land zu locken; doch ist diese Lage dem britischen Staat nicht zum geschichtlichen Verhängnis, sondern zum Glück ausgeschlagen. Die einzige Stetigkeit der englischen Politik besteht in ihren „Präzedenzfällen", und diese Präzedenzfälle reichen von den fremden Eroberern und Herrscherhäusern, die nicht nur eroberten und usurpierten, sondern auch aufbauten, bis zum letzten Thronwechsel, bei dem ein beliebter und fähiger Herrscher geopfert wurde, das Imperium und die Monarchie aber gestärkt aus der Krise und Belastungsprobe hervorgingen. Präzedenzfälle waren die Festigungen der Legitimität, als Heinrich VII. nach dem Tode des dritten Richard die Tochter Eduards IV. heiratete und die Kriege zwischen der weißen und der roten Rose nicht nur durch seinen Sieg bei Bosworth beendigte, sondern durch seine Heirat mit Elisabeth auch die feindlichen Häuser York und Lancaster vereinigte. Ebenso war das Haus Oranien durch die Heirat mit der Stuart-Tochter Maria legitim, als Wilhelm III. König Jakob II. ablöste. Den Fall Anna Boleyn und den Abfall Heinrichs VIII. von Rom sieht Maurois nicht im Kausalzusammenhang; die Scheidung von Katarina begründet er mit dynastischen Motiven, weil sie ihm keinen männlichen Thronerben geschenkt habe und der König (dessen Bild der Autor sonst nicht beschönigt) dem Lande eine Wiederholung von Thronwirren ersparen wollte. Es ging — macht Maurois geltend — also auch Heinrich VIII. um die Legitimität, und seine Los-von-Rom-Bewegung hat ebenfalls in der englischen Geschichte ihre Präzedenzfälle, längst vor dem Konflikt zwischen Heinrich II. und Thomas Beckett, dem Erzbischof von Canterbury. Stets wiederholen sich in der Geschichte Englands die gleichen Probleme und stets werden sie real gelöst. Maurois ist von Heldenverehrung «benso frei wie von materialistischer Geschichtsauffassung. Wenn er das Zeitalter der Plantagenets behandelt, steht er „im Schatten Shakespeares" und gibt dem Bilde Richards III., wie der Dichter es zeichnet, den Vorzug gegenüber den „Rettungen" neuerer Historiker. Wenn er darstellt, wie Stanley König Heinrich VII. die Krone Richards aufsetzt, bemerkt er, daß wohl kein zeitgenössischer Zuschauer die Symbolik dieser . Szene empfunden habe, in der die Macht der Adels auf ein starkes Königtum überging. Aus wirtschaftlichen Gründen erwuchsen die Macht des Parlaments und die Struktur der englischen Verfassung. Aus dem Recht der Steuerbewilligung gingen die beiden Kammern hervor, und aus dem Zufall, daß der Hannoveraner Georg 87