Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Aus Gundolfs Nachlaß [Rezension]
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
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sonnenheit zusammen in einem Leuchten des Könnens. Das ist Gundolf an seinem Ziel. Die Bahn, die er durchlief, scheint wie von einem jähen Blitz erleuchtet, wenn er über Nietzsches Verhältnis zu Burckhardt schreibt, daß jener „wie jeder geniale Erbe" das, was ihm überliefert ward, „zugleich erworben, errungen, verwandelt zu eignem Besitz, der dann erst weithinfahrend die Welt schütteln hilft. .. Beschaulicher Geist kann die Leidenschaften entzünden, welche die Völker erschüttern... Jedes Wesen setzt die gesamte Weltgeschichte voraus und enthält sie... Was wir von uns selbst wissen, ist nicht der millionste Teil dessen, was mit uns geschieht und was wir sind... Das überhebt uns freilich nicht der Pflicht, zu prüfen, zu sichten, schon weil nur durch solche Wahl und Sammlung wahre und satte Bilder, rechtschaffene Kenntnisse, saubere Einsicht möglich sind. Wer sich von vornherein auf jähe Erleuchtung verläßt, dem bleibt sie aus, und die echten Seher der Welt waren auch immer ihre gründlichsten Kenner." H. B. Davin Schönberger, Betendes Judentum. Joseph Jastrow Jüdischer Buchverlag, Berlin 1938(Sammlung „Jüdisches Wissen", Band II). Die Darstellung von Schönberger füllt in ihrer Vielseitigkeit und Leichtverständlichkeit eine Lücke aus, die für denjenigen bestand, der vom jüdischen Gefühl ausgehend über unsere Gebetshaltung belehrt werden wollte. Die psychologische Erfassung des Gebets durch Heiler und die entwicklungsgeschichtlkhe Arbeit von Elbogen haben das Gebetsproblem wissenschaftlich — vor allem in Elbogens Werk über den jüdischen Gottesdienst — erschöpfend dargestellt. Schönberger geht nicht als Wissenschaftler, sondern vom Fühlen her an die Problematik des Gebets heran, so daß der Schwerpunkt sich von der Forschung auf die Empfindung verschiebt. Wahrscheinlich ist es schwerer, den Leser Empfindungen nachfühlen zu lassen als Ergebnisse der Forschung. Dem Autor, der bereits als Dichter von religiöser Ausdruckskraft hervorgetreten, ist diese Absicht gelungen, da ihm bei aller korrekten Anwendung wissenschaftlicher Argumentation die Absicht fernlag, zu neuen Ergebnissen der Forschung beizutragen. Es ist heute von besonderer Wichtigkeit, die Ergebnisse der Forschung weiteren Kreisen vertraut zu machen, damit für sie der Gottesdienst nicht ein mechanisches Gebilde bleibt, mit dem Gefühl des Müssens verbunden, sondern Kraft und Lebendigkeit gewinnt als Ausdruck des betenden Judentums, dem jeder Jude sich aus der Vertrautheit mit dem Wesen und der Ausgestaltung jüdischen Gebets verbunden fühlen kann. Die Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft setzt Schönberger an die Spitze seines Buches und verbindet dann die Einsamkeit und die Gemeinsamkeit jüdischen Gebets, die im Minjangedanken ihre klassische Verbindung gefunden haben. Den modernen Leser wird es besonders ansprechen, daß den Fragen der neuen Zeit weiter Raum zu- 82