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Der Morgen · 1938-05-01 · Heft 2 (Mai 1938) · p. 81

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Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1938)
Article
Aus Gundolfs Nachlaß [Rezension]
Date
1938-05-01
Page
81 (sequence 1)
Language
German
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Aus Gundolfs Nachlaß Im Frühjahr 1931 begann Friedrich Gundolf ein Buch, das er „Deutsche Geschichtschreiber von Herder bis Burckhardt" nennen wollte. Es blieb unvollendet. Die Einleitung dazu — auch sie nur ein Torso, der mitten in der Darstellung Winckelmanns abbricht — geben nun Elisabeth Gundolf und Edgar Wind unter dem Titel „Anfänge deutscher Geschichtschreibung" heraus (Elsevier - Verlag, Amsterdam 1938). Ein Torso also nur — und im Grunde schon das ganze Buch. Denn die Einleitung schlägt überall die Fäden zu dem künftigen Werk voraus. Die Stoffwahl ist eigentümlich: eine Betrachtung der Historiker auf ihre „bildschaffende Kraft" hin, die Eroberung eines großen, in seinem künstlerischen Wert meist übersehenen Gebietes für die Literaturwissenschaft. Setzte Gundolf darin auch die Linie seiner früheren Arbeiten fort, so bezeugt die Wahl dieses Stoffes eine neue Stufe für ihn selbst. Denn Geschichte ist das Schlüsselwort der Geisteshaltung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, die großen Geschichtschreiber prägten die Leitbilder auch des politischen Lebens, und wer über sie schreiben will, muß schon auf neugewachsenem Boden stehen, muß sie übersehen können. So zeigt, was von diesem Buche fertig wurde, den Blick vom Gipfel in ein neues, nicht mehr betretenes Land und gleichzeitig auf das alte zurück bis zu seinen Grenzen. Vielleicht nie zuvor hat Gundolf so gelockert, so von innen heraus geschrieben. Das blendende Sagenkönnen, die blitzende Geschmeidigkeit der Rede sind ihm noch immer zur Hand, wo er sie braucht; nun kommt eine Einfachheit der Reife hinzu. Das Sehen der Gestalt erfüllt sich im Horchen auf den Herzschlag der Männer, über die er schreibt, auf ihr Verhältnis zu Gott und zu der Welt, und solches Hören gibt wiederum dem Sehen eine andere Tiefe. Ihm ist „das verzehrende Feuer" gegeben, „durch die Staubschichten der festgepackten Bücherwälle hindurchzustoßen, der Vergangenheit Aug in Aug zu begegnen, mit dem Herzblut die großen Geister der Vorwelt zu beschwören, hinter den Menschen und Buchstaben den Gottesodem zu vernehmen, das Wahre, Gute, Schöne zu wecken in den schnarchenden Zeitgenossen durch Aufruf der Verhängnisse und der Gesetze. ." Und für ihn selber gilt, was er als den Geschichtschreibern aller Zeiten gemeinsam nennt: daß sie „ergriffen waren bis zur Selbstaufhebung von den Kräften, deren Gleichnisse ihnen die Vergangenheit bot". Darum sieht er außerhalb des begrifflichen Schemas, das jede Zeit an die Fakten legt, was jene Männer wahrgenommen haben, mit welchen Kräften und wie es .sich ins Wort übertrug: „Die große Geschichtschreibung aller Zeiten schafft Wort und Sicht zusammen." In den knappen Stilbelegen, die er anführt, erscheint immer ein ganzer Mensch; eine Fülle des Wissens trifft mit unvergleichlicher Frische und Be- 81

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