Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Zur Aussprache des Hebräischen
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 78 (sequence 1)
- Language
- German
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Zur Aussprache des Hebräischen Die hebräische Sprache war nie eine tote Sprache, sie war auch keine Gelehrtensprache wie etwa das späte Latein. Ihre Fortdauer war eigenen Gesetzen unterworfen, welche auch die Weiterbildung der Sprache beeinflußten. Als Jakob Levy 1876 sein großes Wörterbuch zu den Tahnuden und den Midraschim veröffentlichte, nannte er es „Neuhebräisches und chaldäisches Wörterbuch"; heute hat man sich in weiten Kreisen — zu Unrecht! :— daran gewöhnt, das nun gesprochene Hebräisch als „Neuhebräisch" zu bezeichnen. Aus dieser Gegenüberstellung allein ergibt sich, daß die hebräische Sprache wie jede lebende Sprache eine Entwicklung durchgemacht hat, die ständig weitergeht: das „Neuhebräisch" war keine künstliche Neuschöpfung wie das „Neulatein" der beginnenden Neuzeit! Hebräisch war Sprache des Gottesdienstes und der alten Literatur des jüdischen Volkes; es war aber auch stets Sprache der Dichtung und Philosophie, der gelehrten Abhandlung und der religiösen Predigt^ Lange Jahrhunderte war die hebräische Sprache zwar eine „Schriftsprache" (wenn es erlaubt ist, ein solches in sich widerspruchsvolles Wort zu benutzen), aber sie war lebendig. Wenn ein jüdischer Dichter in irgendeinem Lande der Galut hebräisch dichtete, so begab er sich damit nicht in einen fernen gelehrten oder gar kirchlich-heiligen Bezirk, sondern er schuf in der ihm, dem Juden jenes Landes, gemäßen Form. Die Renaissance der hebräischen Sprache in den letzten fünfzig Jahren bedeutet, daß aus der geschriebenen wieder eine gesprochene Sprache wurde, daß der Kreis derer, die sich theoretisch und praktisch um die hebräische Sprache bemühten, außerordentlich wuchs und. daß die Entwicklung der Sprache bewußt gefördert wurde. In dieser Phase mußte das vorher nicht sehr beachtete Problem der Aussprache wichtig werden, und es trat um so stärker in den Vordergrund, als in Palästina Juden der verschiedensten Dialektgruppen zusammentrafen. Schon von altersher gab es dialektmäßige Verschiedenheilen, die in der Bibel deutlich zu bemerken sind. Die Entwicklung der letzten 1500 Jahre, welche an das biblische und talmudisch-midraschische Hebräisch anknüpfte, mußte derartige Unterschiede besonders begünstigen: sind die anderssprachigen Einflüsse im mischnischen und talmudischen Schrifttum schon stark, sowohl was den Wortschatz, wie auch den Stil anlangt, so konnten bei. der Zerstreuung der Juden in die verschiedensten Länder die Sprachen der jeweiligen Völker die hebräische Sprache nicht unverändert lassen. So unterschied sich denn das Hebräisch eines jemenitischen Juden sehr merklich von dem eines spanischen, eines deutschen oder eines polnischen Juden. Auch die Artikulation der Völker, unter denen die Juden lebten, war von Bedeutung, und die Unterschiede sind oft weitgehend. Zwei Forscher haben sich in der letzten Zeit in kurzer ansprechender Form mit den Fragen der Aussprache beschäftigt: Dr. Moses S i s t e r in einem an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin gehaltenen Vortrage „Probleme der Aussprache des He- 78