Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Stunde der Erlösung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 37 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stunde der Erlösung Als ich begann, mich mit der inneren Lebensfrage der Juden zu beschäftigen, ist es mir klar geworden, was ein Menschenleben jüdisch macht, einreiht in die Geschlechterkette, die vom Ur-Anfangs-Vater Abraham reicht bis in die lebendige Herzensmitte der Heutigen: das Bewußtsein von Offenbarung und Erlösung als den Polen der Geschichte, die sich an uns, in uns und durch uns erfüllt. Diese Erkenntnis war der Beginn der Aufgabe, den europäisch geformten Menschen zu verwandeln, der im Hier und Jetzt die „Fülle der Zeit" vorwegzunehmen bemüht ist, dem Augenblick „Verweile doch!" zurufend, in der grenzenlosen Furcht der Kreatur vor dem Nichts, das nach diesem einzig „wirklichen" Augenblick sich auftut. Der Jude aber lebt „von Ewigkeit zu Ewigkeit". Tut er es wirklich? Ich will an einer kleinen Episode, die der Komik nicht entbehrt, darlegen, was jüdisch leben, also „von Ewigkeit zu Ewigkeit", zwischen Offenbarung und Erlösung leben heißt. An einem Februartag fuhr ich von Jerusalem nach Tel-Aviv. Da es in Jerusalem, trotz der verführerisch strahlenden Sonne, noch rauh war, zog ich Gamaschen an. In Tel- Aviv aber war die Luft schon frühlingswarm und weich, so daß mein winterlich verhüllter Fuß das Erstaunen des Schuhputzers weckte, bei dem ich die Stiefel vom Reisestaub säubern ließ. Dieser Schuhputzer war ein Jude aus Persien und vor wenigen Jahren in das Land Israel gekommen. Es ist nicht die Art der Orientalen, stumm und korrekt, ohne menschlichen Anteil ihren Dienst zu tun, und so begann der Stiefelputzer aus Persien, während er sorgfältig mein Schuhwerk auf Hochglanz polierte, ein kleines Gespräch mit mir: „Warum trägt mein Herr noch Gamaschen, da es doch schon Frühling und warm ist?" — Hier ists zwar schon warm, aber ich komme aus Jerusalem, wo es noch recht rauh ist. — „Mein Herr ist ein Reisender und besuchte Jerusalem?" — Nein, ich wohne ständig in Jerusalem. — „O, du wohnst in Jerusalem. Schon lange?" — Einige Jahre. — Größere Pause. Von seiner Arbeit aufsehend, schaut der Mann mich eine Weile prüfend an. „Ich habe eine Frage." — Bitte. — „Liest mein Herr die Heilige Sprache?" — Ja. — „Kennt mein Herr auch die Bibel?" — Ja. — „Auch die Mischna?" — Ein wenig. — «Die Gemara?" — Ein klein wenig. — „Auch das heilige Buch Sohar?" — Ein ganz klein wenig. Wieder eine Pause. Die Schuhe sind jetzt blank wie Achat. Sehr nachdenklich sieht der zu meinen Füßen hockende Mann auf meine Gamaschen und blickt mir dann wieder prüfend ins Gesicht. Und wie einen unhörbaren inneren Dialog mit sich selbst beendend, sagt er: „Mein Herr liest also in den heiligen Büchern und wohnt in Jerusalem." Ich werde schon ungeduldig, gebe ihm einen halben Piaster und will gehen. Die Münze in der Hand, hockt er unschlüssig da: „Ich habe noch eine Frage." — Bitte. . . 37