Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die abessinische Falascha
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 36 (sequence 3)
- Language
- German
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Felix Hepner: Die abessinischen Falascha andere heilige Schriften und Gebete, die wohl bei ihnen erst entstanden sind. Vom Talmud und allen Schriften, die nach 410 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung entstanden sind, wissen sie nichts. Die Beschneidung,, die Ileinlichkeits- und Speisegesetze werden außerordentlich streng nach den Vorschriften der Tora gehalten. Nach den Feststellungen neuerer Forschungen verläuft die Geschichte der Falascha wie folgt: Um 350 bekehrte der spätere Bischof Frumentius die Bevölkerung des nördlichen Abessinien zum Christentum. Dort lebten zu jener Zeit nicht nur Heiden, sondern wohl schon eine größere Anzahl Juden. Das geht u. a. daraus hervor, daß die abessinischen Christen noch jetzt viele wichtige jüdische Gesetze halten: Beschneidung, Sabbatruhe neben dem Sonntag, Speise-, Ileinlichkeits- und Ehegesetze. Mit Axum als Mittelpunkt enlsland das christliche axumitische Reich, daneben existierte im westlichen Abessinien ein Falaschareich, das um das Jahr 950 unter dem Königspaar Gideon und Judith recht groß gewesen sein muß. Nach dem Tode dieser beiden Herrscher folgte ihnen als Königin ihre Tochter Judith. Uni 960 unterwarf Judith den größten Teil Abessiniens ihrer Herrschaft; in den friedlichen Zeiten, die nach ihrem Tode eintraten, ging die Oberherrschaft über das Land durch Vertrag an die christlichen Könige in Axum über. Um 1330 kam es zu Kämpfen zwischen dem christlichen König Amda Sion und Bewohnern des östlichen und südlichen Abessinien, die zum Islam übergetreten waren. 1331 griffen auch die Falascha als Gegner des axumitischen christlichen Königs in diese Kämpfe ein; sie wurden besiegt, mußten sich in das westliche Abessinien zurückziehen und gerieten in schwere Abhängigkeit. Die zahlreichen Auf Stands versuche, in denen die Falascha in den Jahren 1434—1468 ihr Joch abzuschütteln versuchten, führten zu ihrer fast völligen Vernichtung. 1616 mißlang auch der letzte Versuch einer kriegerischen Auflehnung. Ihn überlebten wenige Falaschagemeinden. Von -da ab werden die Falascha in den Chroniken nicht mehr erwähnt. Der geringe Rest erstarkte langsam trotz aller Verfolgungen; er hielt fest am väterlichen Glauben und an den Wohnsitzen, in denen die Urväter vor 2300 Jahren Aufnahme gefunden und in die sich die Überlebenden nach jahrhundertelangen Ausbreitungsversuchen wieder zurückgezogen hatten. Wie viele Falascha heute in Abessinien leben, weiß man nicht. Die Schätzungen schwanken zwischen 7000 und 50000 Menschen. Neben und mitten unter den Falascha leben die Kamanten, die ihnen in Sitten, Gebräuchen und äußerem Habitus ähnlich sind; sie sind zwar äußerlich Christen, haben aber eine größere Anzahl jüdischer Kulthandlungen mit den Falascha gemein. Es ist anzunehmen, daß sie ursprünglich zu ihnen gehörten und daß ihre Voreltern zwischen 1434 und 146S zur Taufe gezwungen wurden, um der Vernichtung zu entgehen, wie in Spanien die Maranen. Noch eine andere Volksgruppe, die „Tabiban", scheinen aus den Falascha hervorgegangen zu sein: der Name, der auf deutsch „Schmiede" bedeutet, weist darauf hin, daß es sich hierbei um eine Gruppe handelt, die als Schmiede einst verschleppt wurden und gleichfalls die Taufe nehmen mußten. Auch sie bezeugen aber die Treue zu ihrer alten Gemeinschaft in vielen gemeinsamen Zügen. Felix Hepner. 36