Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Gedicht? - Gedichte!
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 529 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895579-2908011--10471-2908074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
schillernder Schmuck, den man sich je nach Bedarf umhängt, und Gott — „ja er ist ein großer Gott", kein lieber Großpapa, den man anhimmelt oder verschämt fürchtet und der allen frommen Gemütern höchst persönlich erscheint. In ein Kabarett gehören folgende (in einer jüdischen Zeitung vor einiger Zeit erschienenen) Zeilen: „Er ist uns nah, auch in der Ferne, auch ihm — und allen — brennt die Flamme hell. Es leuchten ewig Gottes Sterne voll Frieden. Höre Israel!" Sie leuchten ewig, diese Sterne, über Gerechte und Ungerechte und über Situationskomik und wehren sich nicht. Gedichte? — Gedichte! F. A. Eine Frau gräbt aus Fräulein B. Mazur ist eine amerikanische Jüdin, eine eigenartige Fratt. Sie hat sich der Wissenschaft verschrieben und ist sehr rasch eine bekannte Forscherin geworden. Nun gibt es nicht eben viele weibliche Gelehrte, und diese ist eine besonders leidenschaftliche. Vor sechs Jahren zog sie sich auf die kleine, abgelegene griechische Insel Ägina zurück und lebt dort seitdem archäologischen Forschungen, die sie mit eignen Mitteln betreibt. Ihr besonderes Gebiet ist die Geschichte der Juden im Altertum außerhalb Palästinas und besonders in Griechenland, worüber sie einige geradezu sensationelle Mitteilungen gemacht hat. Sie schreibt darüber eine große Arbeit, deren erster Teil, über 400 Seiten „Studien über die Juden in Griechenland" mit unbekannten Dokumenten, Ausgrabungsergebnissen und Abbildungen, in englischer Sprache erschienen ist. Ein zweiter Band soll in Kürze folgen. Sensationell ist besonders der Nachweis, daß schon seit dem 6. Jahrhundert vor der üblichen Zeitrechnung Juden in Griechenland gelebt haben. Aufgrund von Steininschriften — der Marmor ist teilweise vorzüglich erhalten — erbringt die Gelehrte eine fast vollständige Liste der griechischen Städte, in denen Juden jener Zeit lebten. Im Jahre 139 a.Chr.n. gab es organisierte jüdische Gemeinden in Sparta, Samos, Rhodos, Korinth, Delos u. a., über die Miß Mazur Einzelheiten mitteilt. In den Museen von Athen und Delos befinden sich zahlreiche Inschriften über jüdische Siedlungen. Es ist festgestellt, daß Griechen und Juden im besten Einvernehmen lebten und in großem Stile Handel pflegten, ganz zu schweigen vom Philhellenismus des Herodes, dem Athen, Chios, Rhodos und andre Staaten majestätische Monumente widmeten (er hatte dort Straßen bauen lassen), und vom Monument für Jochanan Hyrkanos, worüber sich Flavius Josephus aus Athen berichten ließ, von Philons Bemerkung über die damals bereits Jahrhunderte währende Ansässigkeit von Juden in Thessalien, Mazedonien, Böotien, Korinth und Kreta, von den sechstausend jüdischen Soldaten, die Vespasian zur Durchstechung des Isthmus von Korinth entsandte; von diesen wurde, wie Miß Mazur feststellt, der größere Teil durch 529