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Der Morgen · 1938-03-01 · Heft 12 (März 1938) · p. 528

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 12 (März 1938)
Article
Gedicht? - Gedichte!
Date
1938-03-01
Page
528 (sequence 2)
Language
German
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Verwandte mit den Erzeugnissen seiner Muse, und die Früchte der Muße gingen selten über den begrenzten Raum hinaus, der ihnen von Beginn an zugewiesen war. Würde man die vielen Gedichte der Großväter und Großmütter veröffentlichen — ich erschrecke, ein des Ahnenruhms bedürftiger Zeitgenosse käme auf diesen Gedanken! —, so läse man manche empfundene Zeile, manch scherzhaftes Wort, und in heiterer Freude legte man den Band wieder zur Seite. Doch die Verse der Väter und Vorväter sollen in den Schubläden und Truhen verborgen bleiben! Denn wir haben heute unsre eigenen, unsre modernen, zeitgemäßen jüdischen Dichter und Dichterinnen! Sie dichten und dichten, bei der Arbeit und beim Ruhen, beim Reisen und beim Kochen, wachend und wohl auch im Schlaf. Es ist eine fleißige Schar. Sie besingen, was sich nicht wehrt und was immer sich besingen läßt. Ja, sie glauben sogar an ihre Aufgäbe, an ihre heilige Mission, wenn sie sich von dem unbestimmten Sehnen ihrer unklaren, erlebnishungrigen Seele fortgerissen fühlen, um die Schau der Propheten nachzuempfinden. Denn um nichts Geringeres geht es! Wirkliches tiefstes Gotteserlebnis war vielen dieser Männer und Frauen — so schreiben sie wenigstens und malen uns in mehr oder minder glatten Versen aus: „Man fühlt die Reinheit von Wind und Sternen und hat die große Weite um sich, nach der man sich sehnt." „Und hat"? — ja, man hat eben nicht! Man denkt, daß man habe, und schreibt. Aber schlimmer als alles Schreiben ist die Tatsache, daß diese Gedichte gedruckt werden. Eine wahre Prostitution der Gefühle und Empfindungen greift um sich. Was geht es den Leser an, ob jener „Dichter" sich augenblicklich hier befindet oder dort, ob er diese oder jene Reise unternimmt? All das kann man nämlich aus den Gedichten ersehen, man kann eine mit den Ereignissen fast gleichlaufende Biographie schreiben, eine Chronik, die alles enthält: denn alles wird bedichtet und beschrieben. Der „Dichter" muß ja stets etwas fühlen! Unsere Zeit hat Manchem neue Wege gewiesen; viele aber können nicht mehr als reimen oder — wenns hoch kommt! — nicht reimen! Um unserer wahrhaft lebenden und schwer ringenden jüdischen Dichtung willen wollen wir aber nicht, daß jeder sein frommes Wünschen in Worte faßt, den lieben Gott zu sich herabzieht oder sich zu ihm hinauf zudichten glaubt. Wem es in der Seele brennt, wessen Sprache sich zu Versen verdichtet (nicht in lange Reime schwammig sich auflöst), wer Erlebnisse faßt und umformt, mit dem neugefundenen und neuerstandenen Wort wiedergibt, mag ein Dichter sein. Wer aber kokett lächelnd sich an die Seite der Propheten stellt, wer um Beifall oder um Reisegeld bettelnd alte Worte anders zusammensetzt, möge uns verschonen. Denn auch wir wissen, was sich schickt, und auch wir gehen nicht mit prophetisch erhobenen Händen und dem Anflug des Lorbeers um die Stirn durch die Straßen. Dichtung ist kein Zusammensetzspiel, Gefühl kein 528

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