Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Die Krise der Religion
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 526 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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des alltäglichen Betriebs die Freiheit gewinne, Gottes Gebot zu erfüllen und ob jener Weg des Einzelnen als solchen wirklich ein echter Weg aus der Krise sei und nicht lediglich eine Flucht des Einzelnen aus der Realität, aus der Mitverantwortung, die er für die Gesamtheit eigentlich zu tragen hätte. Müsse sich die Echtheit des Weges nicht vielmehr dadurch äußern, daß er auch von der Masse, das heißt von jedem Beliebigen beschritten werden könne? Ist aber eine Erlösung des Einzelnen wirklich möglich bei Verzicht auf die Erlösung der Gesamtheit? Ist nicht vielmehr die religiöse Not wesentlich mitverursacht durch den Mangel an Normen, das heißt durch den Mangel einer sittlichen Ordnung des Verhältnisses zum Mitmenschen? Mußte sich nicht bei der in früheren Jahrhunderten so überaus engen Verknüpfung von Religion und Moral der Verfall der Religion zugleich als Verfall der Massenmoral äußern, das heißt der Prinzipien, auf denen das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft basierte? So ist das die Gesellschaft der Neuzeit fundierende Leistungsprinzip den Massen von religiösen Eliten wie den Puritanern, Jesuiten und Jansenisten eingeprägt worden. Zwar ist die Zeit, in der das Gesetz Gottes als das sittliche Gesetz galt, lange vorbei. Dilthey spricht von ihr als der glücklicheren Zeit. Diese Auffassung jener Zeit als der glücklichen kam auch in dem Gespräch sehr deutlich zum Ausdruck: während früher die Juden — wie es auf einem Bild, an das ein Teilnehmer des Gesprächs erinnerte, dargestellt ist — mit der Tora in der Hand auf der Wanderung begriffen waren, fehlt heute die bedingungslos anerkannte Autorität, die über und gegen alle Zu- und Unfälle des Lebens unverrückbare Normen gebieten könnte, denen sich die Form des Lebens jeweils anpassen müßte. Mit dieser Feststellung aber stand man unmittelbar vor der Frage, wie man die in Bewegung befindlichen jüdischen Massen geistig und seelisch stützen könne, um sie ein Schicksal bestehen zu lassen, das sie mit größerer Härte denn je treffe, ohne an der früher Schutz gewährenden religiösen Ausrichtung und Ausrüstung genügend Halt zu finden. Erich Rosenthal Herbert Sidebotham: Great Britain and Palestine. Verlag Macmillan & Co., London. Viscoant Samuel: Belief and Action. An Eoeryday Philosophy. Verlag Cassell & Co. London 1937. Louis Golding: In the Steps of Moses the Latsogvoer. Verlag Rieh & Cowan, London. Charles M. Doughty; Die Offenbarung Arabiens. Verlag Paul List, Leipzig. Das zwanzigste Jahr der Balfour- Deklaration, das vielleicht auch ihr letztes ist, hat das Interesse für Vorgeschichte und Auswirkungen dieser englischen Regierungserklärung in weitesten Kreisen lebendig werden lassen. Herbert Sidebotham, der einer der ersten nichtjüdischen Engländer war, die die strategische und politische Bedeutung eines jüdischen Palästina für das englische Empire erkannt und propagiert haben, schildert in seinem Buche „Great Britain and Palestine" die gerade jetzt sehr interessante Vorgeschichte der Bai- 526