Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Die Krise der Religion
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 525 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Krise der Religion In der ersten Hälfte des Winters hielten vier Rabbiner in Berlin vor großen Auditorien Reden über die Krise der Religion. War es dem auf der Höhe der Zeit lebenden Menschen ohne weiteres klar, daß der seit dem Anfang der Neuzeit allmählich einsetzende, seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts aber radikal alle Schichten ergreifende Verfall des Religiösen so leicht nicht aufgehalten oder gar ins Gegenteil verkehrt werden konnte, so fiel es ihm anderseits schwer zu glauben, daß erneuertes Judenleid automatisch den jüdischen Glauben erneuern würde. Dies außerordentlich wichtige Problem ist kein Thema für „das große Publikum", und es ist unernst und schädlich, wenn der Kulturbund es wie eine nervenkitzelnde, sensationelle Neuentdeckung ankündigt. Wird nämlich das Problem vor diesem Hörerkreis radikal zu Ende gedacht, so wird der Zuhörer ohne eine Antwort in der Frage radikal stehen gelassen und wirdnicht, wie er es bei Rabbinern als Rednern selbstverständlich findet, die Erbauung und den Trost mit nachhause nehmen, daß doch noch alles gut gehen werde. (Die Zuhörer glauben naiverweise, die Rabbiner müßten kraft Amtes religiöse Heilsgewißheit besitzen.) Bei diesem Thema — radikal zu Ende gedacht — müßte das öl, das nach Mörikes Rezept jede Predigt neben dem Essig enthalten soll, notwendigerweise fehlen. Wird aber die Unruhe, die seine Erörterung immer hervorrufen wird, mit öl — und sei es dem des Nationalismus — besänftigt, so heißt das die ernstliche Fragestellung verlassen. Mit entschieden mehr Berechtigung und Gewinn wurde das Thema in einem kleineren, meist von Theologen gebildeten Kreise besprochen. Nachdem zunächst Bezirke wie Dichtung, Musik und Bildung als Religionsersatz, heilversprechende Ideen des 19. Jahrhunderts als unwirksame und kraftlose Ideologien gekennzeichnet wurden, wurde mit großer Leidenschaftlichkeit jeder Versuch, die Fragwürdigkeit des Religiösen zu verdecken, abgewehrt und das Nichtvorhandensein der religiösen Gewißheit als die Situation dargestellt, an der jede fruchtbare Erörterung anzusetzen habe. Gewichtige Stimmen waren der Meinung, daß der Weg aus der Krise nur je vom Einzelnen beschritten werden könne und faktisch dann von ihm beschritten werde, sobald er sich mitten im alltäglichen Betrieb der Schuld bewußt geworden sei, ein Gebot unterlassen oder ihm zuwider gehandelt zu haben, das „eigentlich" als Gebot Gottes zu erfüllen sei. Daraufhin sagten andere, daß bei allem Schuldbewußtsein „irgend etwas" die Erfüllung des Gebotes hindere. Dies „Irgendetwas" entpuppte sich als die Alltäglichkeit, als der Betrieb, der eine Erfüllung des Gebotes einfach nicht zulasse, woraus die Verkettung des Einzelnen mit der Gesamtheit und die Macht der Gesamtheit über den Einzelnen sehr deutlich wurde. Nun wurde die doppelte Frage aufgeworfen, ob der Einzelne nicht überhaupt erst durch die Umformung 525