Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Die subjektive Judenfrage
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 522 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Rosenstock sehen, die erst durch die allgemeine Aussonderung ihr Judesein erlebt, also erst vom Leid her ihre Gemeinschaft kennengelernt haben, sondern auch solche, die zu einer Zeit, als es hier noch die Ausnahme bildete, ein bewußtes umfassendes Judentum leben wollten und nun unter der Schwere ihres Gemeinschaftsschicksals zusammenzubrechen drohen. All dies trägt dazu bei, daß unter den Auswanderern vielfach eine ähnliche Stimmung herrscht, wie sie in der ersten Generation der Emanzipation geherrscht haben mag: wie damals das Ghetto, so werden jetzt die Begegnungen der letzten Jahre als ein böser Traum empfunden, den man möglichst vergessen möchte und von dessen seelischen Umklammerungen man sich zu lösen wünscht. Die aufsaugende Tendenz verschiedener Überseestaaten kommt diesem gesteigerten Assimilationsbedürfnis entgegen. Hat man ein Recht, sich diesen Auflösungstendenzen, die man nicht ohne weiteres einem oberflächlichen Renegatentum gleichsetzen darf, entgegenzustemmen? Wenn bei der Beantwortung dieser Frage von einer religiösen Motivierung abgesehen wird, so nicht deshalb, weil wir einem säkularisierten Judentum das Wort reden wollen, sondern weil wir meinen, daß in unserer Zeit von einem religiösen Standort allein eine umfassende Antwort nicht gegeben werden kann. Wohl aber muß die geschichtliche Tatsache überzeugend wirken, daß es eine objektive Judenfrage gibt, der sich zwar der Einzelne oder die einzelne jüdische Generation glaubt entziehen zu können, der gegenüber es jedoch, auf die Gesamtentwicklung bezogen, ein Entrinnen nicht geben kann. Jede Assimilation hat einen gewissen Sättigungsgrad, nach dessen Überschreitung die Gegenreaktion, d. h. die Zurückwerfung auf das Eigene, Jüdische eintritt. Soweit daher der Jude sich der Umwelt einordnet, darf er es nur unter Wahrung seines Judentums tun, oder er oder Generationen nach ihm — „bis ins dritte und vierte Geschlecht" — müssen Schaden daran nehmen. Man könnte einwenden, eine Erfahrung der Vergangenheit müsse noch nicht unbedingt für alle Zukunft Geltung haben, in dieser Beweisführung sei daher der Wunsch — die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft — der Vater des Gedankens, der objektiven überzeitlichen Sonderstellung dieser Gemeinschaft. Aber es gibt nun einmal geschichtliche Tatsachen, die sich zu so vielen Zeiten und unter so viel verschiedenartigen Umständen wiederholt haben, daß man sie auch für die Zukunft als Axiome ansehen kann. Und dazu gehört die Erkenntnis von der Eigengesetzlichkeit jüdischen Geschehens. Hierzu tritt die elementare Forderung, daß man die Gemeinschaft, in die man hineingeboren ist und der man alle seine Eigenschaften verdankt, auch lieben soll. Das Individuum kann sich niemals isoliert, sondern nur als Glied der organisch gewordenen Gruppe 522