Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Zionismus und Zionsliebe
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 516 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Rosenstock den arabischen Wünschen Beachtung zu schenken. Der Schritt vom Zionismus des 19. Jahrhunderts zum Zionismus des 20. Jahrhunderts wird manche Forderung an uns stellen. In erster Reihe müssen wir zu einer seelisch positiven Bewertung der arabischen Welt kommen, so schwierig das auch sein mag. Jene arabischjüdische Symbiose war im Mittelalter eine glückliche und geistig schöpferische Zeit für das Judentum; sie könnte es wieder einmal werden. Die vorkapitalistische Wirtschaftsstufe der arabischen Welt gibt dem jüdischen Kaufmann neue Möglichkeiten, das weite Feld der Zivilisierung des arabischen Raumes hat Platz für jüdische Mitarbeit. Der Jude ist zur messianischen Geduld verpflichtet. Die arabisch-jüdische Symbiose bietet nur dem kleineren Teil des jüdischen Volkes eine Möglichkeit. Der größere Teil unserer Auswanderung geht nach Übersee, und dort fordert man ein — wie es jetzt heißt — „assimilationsfähiges Judentum". Der Zionismus würde den größten Fehler begehen, wenn er sich durch diese Tatsache nicht zu einer Überprüfung alter Grenzziehungen bewogen fühlte und wenn er bei dem hier sich eröffnenden Problemen uninteressiert bliebe. Werner Rosenstock: Die Subjektive Jtldenfrage Die subjektive Judenfrage bedeutet die Reaktion des jüdischen Menschen auf seine jüdische Herkunft. Sie empfängt ihre Besonderheit daher, daß das Leben des Juden sich meist in einer bestimmten Spannung zur Umwelt abspielt. Diese Spannung ist um so geringer, je vollkommener die Eingliederung des Juden in die Umwelt unter Aufgabe des Judeseins erfolgt ist oder je ausschließlicher er sich auf jüdisches Eigenleben zurückgezogen hat. Der erstgenannte Fall ist dann eingetreten, wenn der jüdische Mensch sich ohne ein besonderes jüdisches Lebensgefühl vorbehaltlos in die Umwelt eingeordnet hat („Assimilation") und auch von der Umwelt vorbehaltlos als eingeordnet angesehen wird („Rezeption"). Als Beispiel eines derartigen, mehr oder weniger vollständig überdeckten jüdischen Lebensgefühls wäre an die Juden einzelner westeuropäischer Staaten zu denken. Ebenso kann die subjektive Judenfrage dann ausgeschaltet sein, wenn eine jüdische Gesellschaft völlig ausgegliedert und ausschließlich auf sich selbst gestellt ist, so daß sie in keiner Wechselwirkung mit der Umwelt steht. Daher hat es z. B. im Mittelalter keine subjektive Judenfrage in diesem Sinne gegeben, denn das Leidgefühl der mittelalterlichen jüdi- 516