Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Erkel Gawlick
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 509 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Erkel Gawlicle Herzen Zeit. Er ist nicht ein solcher, der seine rechtgemeßne Schuld gehetzt und wie im Zwang begleicht. Er zahlt, weil es ihn selber dazu treibt, nicht weil die schreitende Verfolgung ihn beängstigt. Der Gott, zu dem er geht, ist ihm kein Feind, vor dem er kniend winseln müßte. Erkel Gawlick geht zu dem Freund, mit dem er in der Kindheit gute Freundschaft hielt. „Ich hatte an den Bund vergessen", wird er sagen, „aber jetzt, am Ende, läßt mirs keine Ruh. Da bin ich, Freund, nun übe deine Nachsicht!" Und er wird nicht horchen, ob ihm Antwort werde. Er bringt Bereitschaft. Erkel Gawlick durchquert den Vorraum und betritt die Wohnstatt Gottes. Durch hohe Fenster fällt das Tageslicht herein. Er sieht nicht Gänge, nicht Säulen mit den züngelnden Adern des Marmors, er sieht nicht die Empore und den Riesenlüster unter der Kuppel, sieht die Stufen zum Altar nicht an und nicht die Orgelpfeifen hinter dem geschmiedeten Gitter im Chor. Nicht zu staunender Bewunderung ist er gekommen, seine Blicke sind schon ziellos. Sie hängen sich nicht mehr an Dinge. Was ist ein Vorhang, seidenschwer, was eine wunderliche Lampe, brennend still, was ist selbst der heilige Schrein, angefüllt mit dem geschriebenen Worte Gottes? Erkel Gawlick ist im Hause seines Freundes; das genügt. Er hält nicht Umschau. Er setzt sich still auf eine Bank, klaubt ein Zündholz aus der Tasche und steckt sacht die Jahrzeitkerze an. Er starrt auf das Flämmchen und denkt zurück. Dann läßt er ein paar Tropfen aufs Gebetpult fallen, setzt die Kerze fest und wartet, bis sie steht. Sie wird niederbrennen und verlöschen, kein Feuer wird in diesem stillen Haus entstehen. Dankbar lehnt er sich zurück; er hat heimgefunden, niemand stört ihn auf. Die Hände faltet er um eine welke Butterblume, sie soll mit ihm des stillen Todes sterben, nicht vergehen, langsam, quälerisch und von Füßen in den Straßenstaub getreten werden. Sie soll friedlich mit ihm gehn. Erkel Gawlick schließt auf seine Weise ab. Er ist bereit; nun mag der Dunkle kommen. . . Als Leute zum Gebet erschienen, fanden sie den Alten tot; sie fanden ihn aufrecht sitzendj angelehnt, ruhig, selbstzufrieden und aufrecht. Zwischen seinen festverschränkten Händen hing mit abgeknicktem Kopf ein Butterblümchen. Sie sahen auf dem Pult den krummen Kerzenstumpf. Das war das einzig Unerklärbare an diesem Toten. In seinen Zügen lag kein grausiges Geheimnis. Ein alter Mann war hier gestorben; wahrscheinlich war er fromm und gottesfürchtig gewesen — gesegnet sei sein Hingang. Und sie hoben ihn auf und schafften ihn fort. Was mit ihm geschah, ehe er ins Grab gebettet wurde, ist nicht wichtig; wichtig war, wie schön er starb. 509