Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallo: Der Psalter fer, 104—106 wird dieser Schöpfergedanke vertieft und von der Natur auf die Geschichte und das Menschengeschlecht ausgedehnt. Mitten darin, in 94, ein Absturz in den alten Gegensatz vom Gerechten und Ungerechten, in 102 und 103 die Erniedrigung und das Aufraffen zum: Lobe den Herrn. V. 108 Dank der Erlösten. Aus der Hilfe Gottes kommt der Mut. Krieg, Fluch und Triumph sind seine Spuren, 108, 109, 110. Und auf den Triumph folgt 111 die Umwendung: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. 113, 114 neu ansetzender Jubel. 115 die tiefste Reinigung (nicht uns, Herr, sondern Dir die Ehre) 116, 118 Dank, Dank und wieder Dank. 119 die zwischen Dank- und Vertrauens-Lieder (121) eingeschlossene große Litanei der Rechte und Gebote, wenn man will das Deuteronomium des Psalters. 124 reinere Anbetung, 126 sanfteste Hoffnung (wenn der Herr die Gefangenen Zions erlöst) daneben 127 die scheue Gewähr (wo der Herr nicht baut, ist alles umsonst) 128—133 anwachsende Segensfülle, Bitten und Dank, 134—136 ein großes Hallelujah, 137 schroff daneben die völlige Verlassenheit (an den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten) 139, 140 die restlose Entblößung des menschlichen Herzens bis zur Offenlegung seines Rachedurstes — die Gewalt der Übergänge, die ungewöhnliche Fülle der Gedanken, der Reichtum der Empfindungen lassen vermuten, daß die Mehrzahl der 150 Psalmen von wenigen gnadenvollen „Sängern" stammt — 143 die Überantwortung in das Gericht Gottes, 144 die Erniedrigung, 145—150 der weiter und immer weiter ansteigende, alles in sich hinein reißende Lobgesang dessen, der durchgedrungen ist. Dieser andeutende, schrittweise Gang (in den nicht angeführten Psalmen ändert sich die innere Lage jeweils nicht merklich gegen die zuletzt gekennzeichnete Stufe) mußte gemacht werden, um der Gefahr zu begegnen, symbolisch verstanden zu werden. Was jetzt noch meinem Leser symbolisch scheint, mag er getrost auf Rechnung unzureichender Darstellungskraft setzen. Der Weg des Psalters ist nicht symbolisch, sondern er ist der Weg des Gebetes schlechthin. Fangen wir nicht alle an wegen unserer Beschränktheit und aus unserer Beschränktheit, aus der Versteifung unserer kleinen Person? Sollten wir nicht alle enden in dem einstimmigen Lobgesang, und sollten wir nicht zwischen Einkehr und Überwindung alles, das Böse wie das Gute, das Leblose wie das Lebendige, mit uns auf die Knie zwingen? Haben wir schon je anders gebetet als in diesem Gang? Oder, wenn wir anders gingen, war es dann ein Gebet? 502