Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 493 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Haiio: Der Psalter Rudolf Hallo, ein jüngerer Freund und Helfer Franz Rosenzweigs, ist vor fünf Jahren gestorben. Wenn wir im folgenden eine seiner Arbeiten, die 1927 in diesen Blättern erschien, erneut in ihrem wesentlichen Gehalt unsern Lesern vor Augen führen, so geschieht es gleicherweise, um des Verfassers zu gedenken und in der Erwartung, daß diese Arbeit heute mit andern Augen gelesen werde als bei ihrem ersten Erscheinen. Red. Einhundertundfünfzig Psalmen stehen hintereinander in der Bibel, im Alten Testament und, als einziger übernommener Teil des Alten Testaments, auch noch hinter jedem Druck des Neuen Testaments. Einhundertundfünfzig einzelne Lieder. Die jüdische Tradition teilt sie in fünf Bücher ein; vielleicht geht der Gedanke dieser Teilung bis in alexandrinische Zeit zurück. Wie aber sind die 150 zu einem Buch zusammengekommen, warum sind gerade diese 150 zusammengekommen? Läßt ihre Sammlung einen Plan, ein Ziel erkennen? Ist ihre Ordnung beliebig vertauschbar oder liegt in ihrer Reihenfolge ein Sinn? Schließlich: weshalb ist der Psalter zu einem zweiten Pentateuch gemacht worden? Und zwar mit einer Ähnlichkeit nicht nur in der Fünfteilung, sondern auch in der Stellung, die sich allmählich durchgesetzt hat: die fünf Bücher Psalmen leiten genau so die „Schriften" ein, wie die fünf Bücher Mosis als Tora die „Propheten". Septuaginta und Luther haben die introduzierende Rolle der Psalmen durch Umstellung des Psalters innerhalb der „Schriften" verwischt. In der Septuaginta folgen die Psalmen auf die Bücher Esra und Nehemia, bei Luther stehen sie hinter Hiob. Das ist die Anordnung, die schon Hieronymus kannte — die heutige bezeugt zuerst Eusebius — und die in der berühmten Barajta des Talmud über die Ordnung der Schriften bekämpft wird, weil ein Buch von so vergeltungsvoller Schwere wie Hiob sich nicht als Anfang einer Schriftenreihe eigne, selbst wenn — wie man es glaubte — Hiob in das Zeitalter des Moses gehörte. Die Barajta selbst setzt das Buch Ruth vor die Psalmen, als wollte sie die Geschichte von Davids Stammutter vor Davids Liederbuch stellen. Aber sehen wir von der Stellung des Psalters ab. Wie steht es um seine Ordnung? Man sollte meinen, diese Frage wäre längst gestellt worden, und es gäbe vielerlei Versuche der Antwort darauf. Aber es gibt sehr wenig Antworten, und die wichtigsten Fragen, nämlich die nach dem Sinn der Sammlung und der Teilung, sind überhaupt noch nicht gestellt. Die jüdi- 493