Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Peter der Abgott
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 440 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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bringt ihn von der heißen Fensterbank fort. Wundern Sie sich, daß er vom vielen Herumliegen und Streicheln Freitags so schmutzig ist wie die Handtücher, die der Bote mittags einsammelt? Ich kann das Getue mit dem Peter nicht vertragen. Ich weiß gar nicht, was meine Kolleginnen an ihm finden! Er ist dick und träge. Würfe man ihn von hier oben auf den Hof, so fiele er nicht wie eine richtige Katze auf die Beine, — er bräche bestimmt das Genick. Die Kollegen machen sich aus Peter nichts. Bis auf einen alten Herrn, der mit einem schwarzen Käppchen auf dem weißhaarigen Kopf, eine Tasse vor sich, vom Tisch her mit seiner dünnen feinen Stimme „Peter" ruft, ohne daß sich der Peter in seinem Schlaf dadurch stören üeße. An sich liebe ich Katzen, und wenn ich nächstens heirate, werden wir uns eine junge Katze ins Haus nehmen. Die werde ich mir selber großziehen. Ich werde sie nicht mit Süßigkeiten füttern, denn sie soll mir das Mausen nicht verlernen, wie es sich für eine richtige Katze gehört. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, was diesen Peter so verdorben haben mag. Als ich auf den Gedanken kam, daß es vielleicht das Bürohaus sei, das Naschen und Gekraultwerden und das Herumliegen auf den angestaubten Akten, habe ich einen rechten Schreck bekommen. Denn was für Perspektiven eröffnete dieser Gedanke für den weitreichenden Einfluß eines Bürohauses. Ich bin froh, daß ich hier Schluß mache. Adieu, Peter! h.1 Dem Andenken Jacques Rosenthals Die Generation unserer Väter und Großväter hat einen besonderen Schlag von Männern hervorgebracht. Männer, die im ausgehenden Biedermeier geboren wurden, die zur Zeit des Siebzigerkrieges Lehrlinge und Gymnasiasten, die dann in jungen Mannesjahren vom spießigen Prunk der Gründerjahre umgeben waren und als reife Männer von der dekadenten Labilität der Jahrhundertwende, die das große europäische Debacle schon als ältere Herren erlebten und deren Greisenjahre in die verkrampfte und gefährliche Nachkriegszeit fielen. Es gibt Männer unter ihnen, die sich durch alle diese Jahrzehnte der falschen Romantik, der hohlen Schnörkel, der geistigen Überspitztheit, durch allen Reichtum, alle Not, durch alle Verspieltheit und Verrücktheit bewahrt haben, die immer sich selbst treu geblieben sind: klaren Blicks, unbeirrt im Schaffen, ruhig, nüchtern und vornehm. Zu diesen Männern — es gibt ihrer nicht mehr viele und es ist ein Glück, sie zu kennen oder gekannt zu haben und von ihnen Belehrung empfangen zu haben — gehörte Jacques Rosenthal. 1854 in Fellheim in Schwaben als jüngstes Kind einer großen Familie geboren, übersiedelte er schon im Jahre 1858 nach München. Aus den folgenden Jahren wissen wir wenig, Jacques Rosenthal sprach kaum davon, außer von einigen kleinen Episoden, in denen die Namen Wilhelm von Kaulbach und Prinz Otto von Bayern vorkamen, 440