Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Peter der Abgott
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 439 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kafka hat die architektonische Neugestaltung nicht mehr erlebt, durch die moderne Bürohäuser sich mit Pater-N oster-Auf zügen, Erfrischungsräumen und Dachgärten zu einem Höchstmaß von Komfort und Zweckmäßigkeit entwickelt haben. Aber auch in älteren Bürohäusern bemüht man sich, den Angestellten die Arbeitspausen so angenehm wie möglich zu machen. So ist in unserem Bürohaus im obersten Stock unter dem Dach eine Kantine eingerichtet worden. Dadurch, daß man fünf Stockwerke hoch klettern muß, gehört schon ein richtiger Entschluß dazu, dort oben ein Glas Fruchtsaft oder Tee zu sich zu nehmen. Der Fahrstuhl ist für diesen Zweck nicht frei. Er ist dauernd von Hausboten besetzt, denen man ja mit Recht am meisten Rücksicht zubilligt. Wer von den Besuchern und Angestellten des Hauses außer den Direktoren noch zu den aiten und gebrechlichen Leuten gehört, denen laut Bekanntmachung die Benutzung des Fahrstuhls allein zukommt, entscheidet der Herr Portier höchst eigenwillig. — Sind wir schließlich glücklich in die Kantine hineingelangt, so fällt uns ein weißes Etwas auf, das da auf der Fensterbank über der Heizung liegt. Das ist Peter. Der Name Peter hat in unserer Zeit eine merkwürdige Rehabilitierung erlebt. Wer aus der bürgerlichen Oberschicht hätte es vor dem Krieg gewagt, seinem Kinde den Namen Peter zu geben? Er blieb den unteren Schichten vorbehalten. Plötzlich aber werden in unseren Tagen die Allerwelts-Erich, Heinz, Walter, Paul von ihren Frauen ohne großen Umstand in Peter umbenannt, und in den Bildern der großen unterhaltenden Zeitschriften, die im eleganten Wartezimmer des Zahnarztes ausliegen, reicht die Dame des Hauses die Hand zum Abschied nicht ihrem Freund Hugo, sondern Peter, einem kräftigen, gut durchtrainierten, energisch dreinschauenden Mann, der gerade den Motor seines Sportwagens anspringen läßt. Wenn die Kolleginnen die Katze — in unserm Fall handelt es sich bei dem weißen Etwas auf der Fensterbank nämlich nur um eine gewöhnliche Katze — wenn die Kolleginnen, bevor sie ihren Kaffee und ein Törtchen bestellen, zuerst die Katze begrüßen und unter Kraulen, Streicheln und Füttern „Peter, mein Peterle" ausrufen, wenn sie ihn mit denselben Wendungen überschütten, die die Babies in der Wiege über sich ergehen lassen müssen, dann klingen dabei Gefühle auf, die man eben Babies gegenüber mit Recht haben darf: das Glücksgefühl, das der Anblick unbewußten und ungestörten Ineinsseins bei Erwachsenen immer hervorruft, das Gefühl, daß man von diesem Gegenüber nie und nimmer betrogen werden kann> daß man nichts Böses zu erwarten braucht. Für ein richtiges Katzentier aber ist das lange nicht genug. Man erwartet mit Recht von ihm, daß es ab und zu schnurrt, daß es hie und da ein wenig faucht, daß das Grün seiner Augen fremd und unheimlich aufleuchtet. Von dieser echten, Spannung erzeugenden Katzenart hat unser Peter gar nichts. Alle Viere wie tot von sich gestreckt, läßt er sich ruhig streicheln, als müsse er wie bei einer Heilmassage ruhig liegen bleiben, und nichts 439