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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 438

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Zwischen Jerusalem und der Akropolis
Date
1938-01-01
Page
438 (sequence 2)
Language
German
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unzerreißbar und ohne historische Lücke mit der Vergangenheit verbunden ist. Bei jedem Schritt über das grandiose Trümmerfeld wird das Gefühl stärker, daß das alte Griechenland tot ist und daß jeder noch so nationalistische Versuch einer Wiederbelebung im luftleeren Raum enden muß. Nachdenklich und ein wenig bedrückt steigt man die Treppen der Akropolis hinab, dankt den etwas reduzierten Abkömmlingen der Thermopylenkämpfer für ihre gute Absicht, schauderhaft schöne Andenken an den Höhepunkt europäischer Klassik an den Mann zu bringen, und verbeugt sich tief vor den Palmen am Rand der Straße. Sie erinnern an jene Landschaft, die trotz ihrer Kahlheit, trotz ihrer Armut in ihrer ewig zeugenden Ewigkeit die Kälte unmenschlich logischer Pracht der verstorbenen Bauten dort oben überlebte: an die Palmen Palästinas. Hinter mir liegt Athen, hinter mir der aus Hellas kommende Logos. Vielleicht, überlege ich,' als ich mich wieder auf dem Schiff zur Ruhe strecke, vielleicht war meine Ablehnung zu subjektiv. Doch nein, es war das Urteil eines Juden, der weiß, daß sein Judentum an diesem Logos, an diesem Hellas und m i t diesem Hellas beinahe zugrunde gegangen wäre, wären die inneren Widerstandskräfte der Religion nicht stark genug gewesen, die Gefahr der Hellenisierung selbst um den Preis der volklichen Zerstreuung zu überwinden. Auf dem Schiff selbst ergeben sich dann auch noch andere Probleme. So zum Beispiel: wenn hundert Juden beim Speisen sitzen, haben nur drei den Kopf bedeckt Und diese drei sind keine Juden, sondern ein griechischer Archimandrit aus Jerusalem und seine Begleiter. Oder: wenn gleichzeitig eine Bialikfeier und eine Kinovorstellung stattfinden, — warum gehen die Jugendlichen und die Leute der dritten Klasse zu Bialik, die Leute der ersten aber ins Kino? Allem Anschein nach scheint es eine Reise der Probleme zu werden. Einstweilen, solange ich auf Deck hege, lehne ich ab, sie zu lösen, denn zehn Jahre palästinensische Probleme hinter sich und drei Monate europäischer Problematik vor sich ist genug für einen Mann und gibt ihm Anspruch auf fünf Tage Ruhe zwischen Haifa und Constanza. Was ich aber trotzdem feststellen möchte, ist die Tatsache, daß die Fahrt durch die Dardanellen und durchs Goldene Horn jeder anderen Möglichkeit nach Europa zu kommen, vorzuziehen ist. Sonderlich auf einem 15 000 - Tonnendampf er, auf dem man die Schwankungen des Meeres nicht anders fühlt als die einschläfernden Bewegungen einer Hängematte. M. Y. Ben-Gavriel Peter der Abgott .Frühstückt ruhig weiter . Oft, wenn ich die halbdunkle Halle des großen Verwaltungsgebäudes betrete, muß ich an die bedrückenden und quälenden Schilderungen denken, die uns Franz Kafka von den zahllosen unheimlichen und dumpfen Amtsräumen gibt, in denen der Angeklagte K. durch seinen Prozeß zu verkehren gezwungen ist. 438

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