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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 437

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Zwischen Jerusalem und der Akropolis
Date
1938-01-01
Page
437 (sequence 1)
Language
German
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Zwischen Jerusalem und der Akropolis Wenn man nach mehr als zehn Jahren von Palästina nach Europa fährt, gleicht die Reise im wahrsten Sinn des Wortes einer Expedition in ein unbekanntes Land. Die dem Europäer scheinbar selbstverständlichen Dinge werden zu Sensationen, während Angelegenheiten, die im Reisehandbuch besonders betont sind, einen verhältnismäßig kalt lassen. Die erste Sensation ist die Schiffsreise. Die plötzliche Entspannung nach Jahren der Arbeit und nach einem Jahr höchster Nervenspannung, ein zielloses Schweben zwischen Heute und Morgen auf dem obersten Deck dieser „Polonia", die mehr Luxushotel ist als Beförderungsmittel, wo einem all die täglichen Kleinarbeiten, die zwischen Zähneputzen am Morgen und Schlafengehen am Abend liegen, von einem lautlos auftauchenden und ebenso lautlos wieder verschwindenden Personal abgenommen werden, die ganze Sorglosigkeit weicher warmer Tage auf einem dunkelblauen Meer, diese große Zäsur im Leben eines arbeitenden Menschen, ist ein Ereignis sondersgleichen. Dann aber kommen Sensationen im engeren Sinne des Wortes, die, sozusagen, sensationelleren Sensationen. Eine davon ist die erste elektrische Straßenbahn im Piraeus, die, ich schäme mich nicht, es zu gestehen, auf den derartigen Fahrzeugen seit Jahren Entfremdeten sogar sensationeller wirkt als die Akropolis eine Stunde nachher. Diese Akropolis nämlich erweckt vor allem Sehnsucht, sie erweckt heimatliche Erinnerungen: die Touristen, die dort von Fremdenführern durch unmenschlich heiße Straßen getrieben werden, gleichen so ganz den durch Jerusalem getriebenen Touristenherden. Aber, was dort ein kleiner Punkt vor der gewaltigen Klagemauer ist, fühlt sich hier im Schatten der Akropolis weit gemütlicher. Das heißt, nur wenn man mit einem Führer hierherkommt, — denn ohne Führer nimmt der Ausflug bald die Dimensionen eines Abenteuers an, da in Athen nur wenige Leute eine internationale Sprache verstehen. Der Anblick der Akropolis vermittelt unsereinem, der in Jerusalem zuhause ist, nur wenig seelische Erschütterungen, Nicht allein, weil bei uns geschichtliche Erinnerungen weit höheren Alters alltäglich und selbstverständlich sind, sondern weil sich sofort noch ein anderer Eindruck einstellt: dieses Ruinenfeld über Athen ist ein Museum, eine Erinnerung an etwas unwiderruflich Abgeschlossenes, zu dem es selbst für den Bewohner dieses Landes nur noch eine historische, aber keine lebendige seelische Verbindung mehr gibt. Dort drüben aber, in Palästina, sind alle die echten und auch die erwiesen falschen Erinnerungsmerkmale Stufen einer noch in ungebrochener Folge lebenden Heiligkeit. Was hier als historisches Denkmal in eine durchaus anders gerichtete Gegenwart hineinragt, ist dort ein noch immer lebendes Wasser spendender Fels. Hier fährt man für zwei Drachmen mit der Straßenbahn in eine sehr interessante Vergangenheit, dort aber geht man mühsam und voll von Problemen in eine Zukunft, die 437

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