Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 436

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Eine Geschichte des Religionsgesprächs
Date
1938-01-01
Page
436 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907837--10322-2907896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Schalom Ben-Chorin: Eine Geschichte des Religionsgesprächs Rudolf Ehrenberg auf seine Kapitulation vor Größe, Macht und Organisation der christlichen Kirchen hin: „Unsere Anerkennung des Christentums beruht tatsächlich auf dem Christentum, nämlich darauf, daß es uns anerkennt. Es ist eben doch die Tora, die von den Bibelgesellschaften auf die entferntesten „Inseln" verbreitet wird." Ist dies tatsächlich ein theologisches Argument? Nein, es ist ein Verneigen vor dem Bestehenden. Rosenzweig selbst hat hier die brüchige Stelle seiner Konzeption gespürt und unter Hinweis auf den Vers Jesaja LV, 5 (der von der ursprünglichen Fremdheit zwischen Israel und den Wcltvölkern kündet) zugegeben, daß diese gegenseitige Anerkennung nicht fundamental für das jüdische Bewußtsein ist. Die jüdische Tradition, nur eine Offenbarung Gottes (in verschiedenen Formen) kennend und bekennend, erkennt den Frommen der Weltvölker Anteil an der kommenden Welt zu. Unter den „Frommen und Gerechten" der nichtisraelitischen Welt versteht man diejenigen Bekenner Gottes, die die sieben noachidischen Gebote beobachten. Der Christ, welcher diesen Elementaranforderungen an die Menschheit genügt, kann als Frommer der Nichtisraeliten betrachtet werden, aber nicht sein Christentum, sondern sein Noachidentum sind für uns dabei entscheidend. In unseren Tagen gewann der Noachismus bewußte Gestalt in Aime Palliere, welcher als Nichtjude geboren, bei voller Anerkennung der Tora nicht zum Judentum übertrat, sondern versucht, durch sein exemplarisches Leben die Idee des Noachismus zu konkretisieren. Man wende nicht ein, daß Palliere Einer ist, die Christenheit aber Millionen zählt. Dies ist kein Argument des Glaubens: wiegt doch zuweilen vor Gott der Einzelne schwerer als Myriaden. Das Israel, das sich seiner sakramentalen Existenz unter den Weltvölkern bewußt ist, steht als Träger der Wortoffenbarung Gottes der Welt grundsätzlich nicht dialogisch gegenüber. Israel ruht in sich, der Partner seines ewigen Dialoges ist nicht die Welt, sondern ihr Schöpfer. Deshalb hat Israel (von dem kurzen sich selbst mißverstehenden jüdisch-hellenistischen „Zwischenspiel" abgesehen) nie Proselyten geworben. Aber wenn einer aus den Völkern aus freiem Willen und gegen alle Warnung sich zu Israel schlägt und in den „Bund" eintritt, wer von uns hätte die Stirn, ihm zu sagen: „für dich geht der Weg zu Gott nicht über den Sinai, sondern über Golgatha"?! Schließen wir doch die Proselyten ins tägliche Gebet ein. Endlich darf nicht vergessen werden, daß der Islam (und sogar das Heidentum) lebendige Glaubenswirklichkeiten außerhalb Israels darstellen: es steht Israel, das nur von seiner Offenbarung Gewißheit hat, nicht zu, einseilig Stellung zu nehmen. Schon um 800 hat ein persischer Jude, Abu Isa Isfahani, versucht, vom Judentum her Christentum und Islam für ihre Bekenner voll anzuerkennen: sein Versuch endete in der Sektenbildung der Isawiten. Auch der Weg, den Rosenzweig anbahnte und den nun Schoeps weitergeht, birgt sektiererische Gefahren in sich. Er ist für Israel nicht gangbar und wird nicht, wie Schoeps hofft, zum „Minhag'* werden. Wir suchen das Glaubensgespräch mit der Kirche nicht, wohl aber muß die Kirche ihr „Ärgernis ' immer wieder den Juden predigen (sonst begibt sie sich sowohl des katholischen wie des evangelischen Prädikats), und Israel kann nicht anders als in seiner (der Kirche zum Dogma gewordenen) „Verstocktheit" beharren: denn hier stehen sich auf Weltzeit einander ausschließende Lehrgehalte gegenüber. Schalom Ben-Chorin 436

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.