Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 435

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Eine Geschichte des Religionsgesprächs
Date
1938-01-01
Page
435 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907837--10321-2907895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eine Geschichte des Religionsgesprächs Sie ist nicht nur fragwürdig, sie ist schlechthin unhaltbar. Zunächst kann das Christentum durch die Rosenzweigsche Anerkennung nicht von seiner ihm wesensmäßig immanenten Missionierungsabsicht der Juden ablassen, denn es kann niemals zugeben, daß seine Offenbarung, sein Heil und seine Erlösung ein Geschehen außerhalb der Heilswirklichkeit Israels sei und dieses daher nicht betreffe und verändere. Der „Neue Bund", den das Christentum lehrt, ist ja eben zunächst mit Israel geschlossen, und der Engel der Verkündigung sagt dem Joseph ausdrücklich — in bezug auf Jesus — an: „Er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden4* (Matthäus I, 21). Auch Jesus selbst wendet sich mit letztgültiger Ausschließlichkeit an Israel, wenn er seinen Aposteln aufträgt: „Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet bin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel" (Matth. X, 5—6), oder wenn er die um Hilfe flehende Kanaaniterin anfährt: „Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel" (Matth. XV, 24). Ja selbst die Eschatologie des Evangeliums ist national gebunden: Jesus verheißt seinen Aposteln für das Ende aller Zeit (Lukas XX, 30), daß sie ihm zur Seite thronen werden „und richten die zwölf Stämme Israels". Stellen dieser Art aus den Evangelien, zumal den drei synoptischen, könnten beliebig vermehrt werden. Aber schon diese wenigen Kernsätze stellen hinlänglich unter Beweis, daß das Rosenzweigsche Theologumenon die religiöse Wirklichkeit der Kirche grundsätzlich ignoriert und deshalb christlicherseits nicht als Lösung empfunden werden kann. Aber auch jüdisch ist Rosenzweigs Konzeption illegitim. Er verfällt dem Fehler becungungsloser Anerkennung des Bestehenden, vor dem ihm die Idee der Wahrheit — die noch nicht, oder nur sehr mangelhaft realisiert ist — verblaßt. Hier begegnen wir, seltsam genug bei einem so tief religiösen Denker wie Rosenzweig, einem wesensmäßig dem Glauben an die alles verändernde Allmacht Gottes entgegengesetzten Gedankengang. Wir stellen dies fest bei voller Anerkennung und Würdigung der gewaltigen Geistesleistung Franz Rosenzweigs. Aber Verehrung darf nicht blind machen, denn über aller Verehrung steht der Wille zur Wahrheit. Was anders als die Kapitulation vor dem Bestehenden konnte Rosenzweig zu seiner weitgehenden Anerkennung der Johanneischen Mittlertheorie (Es kommt keiner zum Vater denn durch den Sohn, Joh. XIV, 6) bringen? Wenn sein noch weiter gehender Schüler Schoeps bekennt, daß „uns in der Heiligen Schrift, im Tenach wie im Evangelium wirklich und wahrhaftig Gottes Wort quer durch die Menschenworte hindurch entgegenspricht", kann er konsequenterweise nicht länger mehr Nichtchrisl bleiben, denn eben dieses Evangelium, worin er das Wort Gottes ebenso wie (lehawdil) in der Tora zu hören wähnt, predigt "den Messias Jesus Christus zunächst <3em jüdischen Volke und kann daher nicht bloß für das „Wahrheitsteilhaben der Weltvölker" anerkannt werden. Die Gotteswörtlichkeit des Evangeliums anerkennen und nicht Christ werden, ist eine Unmöglichkeit. Hingegen kann der Nichtjude die Gotteswörtlichkeit der Tora (die ja nur Israel gegeben ist) anerkennen, ohne Jude zu werden. Das klassische Beispiel dafür ist Jithro (Ex.XVIll, 9—27). Von Rosenzweig selbst ist mir eine so weitgehende Anerkennung des Evangeliums, wie sie aus der zitierten Stelle Schoeps' hervorgeht, nicht bekannt. Wohl aber weist eine Stelle aus einem Briefe Rosenzweigs an 435

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.