Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Eine Geschichte des Religionsgesprächs
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 432 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Geschichte des Religionsgesprächs Zwei Besprechungen eines Buches I. Gespräche, bei denen es ums Leben geht, Streit in Rede und Gegenrede, wobei das Ergebnis oft von vornherein feststeht, Monologe von Scheinpartnem, in die leere Luft geredet oder zu Schimpf und Schande vor einem teils belustigten, teils gelangweilten Publikum gesprochen: so stellt sich dem allgemeinen Bewußtsein dar, was man „Religionsgespräch" nennt. Aber nur der erste dieser Sätze ist, wenn man näher hinsieht und ihn eigentlich nimmt, wahr. In dem geschichtlichen Raum, in dem Judentum und Christentum getrennt und verbunden leben, haben sich bis auf diesen Tag ihre streitenden Stimmen wie Klingen gekreuzt: um ihr Leben, um ihren Besitz der Wahrheit haben sie gekämpft. Mögen die Formen gewechselt haben, immer ist dies das Kennzeichen solcher Gespräche: sie bergen, so oder so, Lebensgefahren und bedrohen den, der sie führt, im Eigensten. Es wird gerade an dieser Erscheinung als einer von den jeweiligen Situationen modulierten Stilform der lebendigen Beziehung und Äußerung deutlich, daß das gesprochene Wort — ewiges Merkmal der Offenbarung — immer wieder allem Geschriebenen entspringt und auf Tod und Leben im Gegeneinander der Zwiesprache laut wird. Mancher möchte heute sagen: die Zeit jener Gespräche ist vorüber, die ein schlecht verhüllter Vorwand für Gewaltsamkeiten aller Art gewesen sind, nachdem einmal der Kampf mit dem Sieg der einen Partei äußerlich entschieden war; für die Gespräche aber, in denen später jüdische und christliche Menschen, wohl füreinander aufgeschlossen, aber für keinen sonst verbindlich und also „privat", sich gegenübertreten, haben wir keine Zeit mehr. Allein gerade dies würde anzeigen, wie leer und fern der Wahrheit und wie fremd der Wirklichkeit des Wortes das Bewußtsein, der Menschen geworden ist, die im rasenden Ablauf ihrer Stunden „keine Zeit mehr haben". Es ist zu loben, daß Hans Joachim Schoeps in seinem Buche vom jüdisch-christlichen Religionsgespräch (Vortrupp-Verlag, Berlin 1937) die Zeit aufbringt, den Kampf ums Ewige, der durch neunzehn Jahrhunderte geht, in seiner Gestalt als Spruch und Widerspruch unseren Tagen so vorzustellen, daß man merkt, wie „aktuell" er ist. Das Anliegen dieses Buches ist aber nicht rein wissenschaftliche Geschichtsdarslellung und auch nicht, obgleich es ja von Apologetik handelt, Verteidigung der jüdischen Stellung. Wenn auch Schoeps erklärt, keine Konfessionen ablegen zu wollen, — in einem gewissen Sinne biographisch ist sein Buch doch, denn es stellt eine Station auf dem Weg dar, den er mit seiner ersten Schrift beschritten hat: dem einer Auseinandersetzung mit sich selbst in objektiver Form. In der vorliegenden, wie er selbst sagt, informatorischen Schrift versucht er, die „lehrmäßigen Antworten der Tradition, die seine eigenen geworden sind", auf die Fragen darzustellen, die in berühmten und weniger bekannten Dialogen zwischen Juden und Christen vorliegen. Er wül eine Art von jüdischer Glaubenslehre in der geschichtlich-dramatischen Form des Streitgesprächs geben. Von den ersten theoretisch unterbauenden Kapiteln bis zu dem letzten — freilich etwas ins Predigerische 432