Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das Hirtenlied
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 428 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907836--10313-2907888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Julius Bab: Das Hirtenlied Unter den Dichtungen, die vom Erzvater Jacob, dem Gottesringer „Israel", künden, der der eigentliche Namensheld des jüdischen Volkes wurde, ist Gerhart Hauptmanns„Hirtenlied" am wenigsten bekannt. Es ist auch nur ein Fragment. Aber es ist immerhin schön und stark und für den sich der Bibel nach langer Entfremdung wieder annähernden Juden bedeutsam genug, um weit größere Bekanntheit zu verdienen. Eine vor kurzem erschienene neue Ausgabe hat zudem das Fragment weit über das bisher Bekannte hinaus vervollständigt. Gerhart Hauptmanns „Hirtenlied" ist 1898 entstanden. Es wurde zum erstenmal 1904 in der „Neuen Rundschau" und dann auch in der Gesamtausgabe des Dichters abgedruckt. Dieser Druck enthielt einen vollständigen ersten Akt und etwas, was sich „zweiter Akt" nannte und in der Mitte abbrach. Dieses Fragment wurde erst 1932 durch einen Druck ergänzt, den Dr. C. F. W. Behl für die Maximilian-Gesellschaft herausgab, und der eine ganze Anzahl neuer kleinerer Bruchstücke enthielt, die der Herausgeber unter den Papieren in Agnetendorf gefunden hatte. Jetzt aber gibt der Forscher Felix A. Voigt das „Hirtenlied" neu heraus. Er hat nicht nur über Behls Funde hinaus eine ganze Anzahl neuer Szenen zu geben, die seine Nachforschungen in Agnetendorf ans Licht förderten. Er bringt diese Teile auch in eine sehr einleuchtende Anordnung, die uns hilft, trotz mancher Lücken und einiger Wiederholungen die Dichtung doch bis tief in den vierten Akt hinein zu überblicken. Die alten und neuen Teile zusammen ergeben jetzt ein sehr klares und starkes Bild — eine wunderschöne Einheit, der eigentlich nichts fehlt als der Schluß, um ein künstlerisches Ganzes vorzustellen. Aber da es sich um einen Traum handelt, kann man sogar dieses jähe Aufhören als eine künstlerische Form empfinden, die dem Charakter der Dichtung gemäß ist. Denn um einen Traum handelt es sich hier im doppelten Sinne. Wenn ein Dichter sich und uns ein unendlich lange vergangenes Leben wieder als gegenwärtig erleben lassen will, so ist das wohl immer ein „Traum", aber Gerhart Hauptmanns Dichtung stellt nun überdies den träumenden Künstler selbst dar. Er sitzt zu Beginn in einem elenden Atelier oben über der tobenden, qualmenden, häßlichen Stadt. Er ist zu Ende mit seiner Kraft. Jahrelang hat er sich vergeblich gemüht, das Bild „Rahel am Brunnen" zu gestalten. Jetzt ist er verzweifelt. Aber da erscheint der Engel — „ein starker männlicher Engel" — und führt ihn fort aus der Wüstenei des Alltags. Schon stehen sie an einer grünen Oase in mächtiger 428