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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 409

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Am Wendepunkt
Date
1938-01-01
Page
409 (sequence 5)
Language
German
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Am Wendepunkt dem Macht: denn gerade infolge seiner überaus weit verzweigten Handelsinteressen hat die Abneigung oder Zuneigung des über die Welt verstreuten Volkes für England eine starke wirtschaftliche Bedeutung; und bei der entscheidenden Wichtigkeit, die ein gutes außenpolitisches Verhältnis zu den Vereinigten Staaten für den Bestand des Britischen Empire besitzt, ist die Haltung der schon durch ihre Zahl einflußreichen amerikanischen Juden ein Faktor, dessen Bedeutung England längst klar ist. Unter diesen Umständen muß jede jüdische Politik davon ausgehen, daß nichts verhängnisvoller wäre, als nach den einmal unwiderruflich gewordenen Entscheidungen der Palästina-Politik noch viel von dem zu produzieren, was die Engländer verächtlich „not air" nennen — nämlich Resolutionen und Proteste, die niemanden interessieren als ihre Urheber. Schon zu viel ist bisher durch solche Äußerungen politischer Unreife gesündigt worden; unter keinen Umständen aber können wir es uns bei der Lage des jüdischen Volkes in der Welt heute leisten, uns den goodwill Groß-Britanniens zu verscherzen. Vielmehr muß das Streben einer weitschauenden jüdischen Politik dahin gehen, den Leitern des Britischen Empire, die sich der Schwächen und der in letzter Zeit erlittenen Schlappen der englischen Politik sehr wohl bewußt sind, den vollen Wert der jüdischen Freundschaft deutlich zu machen. In diesem Zusammenhang könnte man sehr wohl die Möglichkeit erörtern, in dem ausgedehnten jüdischen Bildungswesen der verschiedenen Länder der englischen Sprache und Kultur einen besonderen Platz einzuräumen — was schon durch die Bedeutung der englisch sprechenden Staaten für den Handel und vor allem für die künftige Auswanderung gerechtfertigt wäre, aber auch im Interesse engerer Beziehungen zu England liegen würde. Wichtige Arbeit, die sowohl dem allgemeinen Interesse unserer Jugend wie dem britischen Prestige dienen würde, könnte auch durch das verstärkte Studium der englischen Geschichte und Gegenwartskunde geleistet werden — ist doch gerade historisches Verständnis und politischer Wirklichkeitssinn etwas, was vor allem den ostjüdischen Massen durchaus fehlt. Das große Problem einer ausreichenden staatsbürgerlichen Vorbereitung und Schulung unserer Jugend — ein Problem, das durch den auch in vielen Überseeländern verbreiteten Verdacht radikaler Neigungen auswanderungspolitische Bedeutung erhält, wäre von dieser Seite aus sehr wohl in Angriff zu nehmen. Eine solche realistische Politik könnte gerade nach den großen kolonisatorischen Leistungen der Juden in Palästina, die bei den Engländern volle Würdigung gefunden haben, wohl die Wege zu wesentlichen einwanderungspolitischen Konzessionen Groß-Britanniens ebnen und damit einem erheblichen Teil des jüdischen Volkes Aussichten auf eine wirklich menschenwürdige Zukunft eröffnen. 409

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