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Der Morgen · 1937-12-01 · Heft 9 (Dezember 1937) · p. 398

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 9 (Dezember 1937)
Article
Ein jüdischer Sherlock Holmes
Date
1937-12-01
Page
398 (sequence 3)
Language
German
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zu gut kannte, den Verdächtigen ganz gemütlich und freundlich aufforderte, doch ein bißchen mit ihm hinüber auf die Polizeiwache zu kommen. Dann wußte jeder, daß Widerstand vergeblich war, denn Nathan Löbl verfügte über außerordentliche Körperkräfte, große Geschicklichkeit und Mut bis zur Tollkühnheit- Am Samstag arbeitete er niemals, aber er war stolz darauf, daß ihm deswegen nicht ein einziger Verbrecher entschlüpft war. Um so mehr Gauner faßte er am Sonntag, wenn die Mitglieder der Czernowitzer „Unterwelt" vermuteten, daß die Kriminalbeamten außer Dienst seien. Am häufigsten erzählt man sich in Czernowitz die Geschichte, wie Nathan Löbl an einem Jom Kippur, ohne seine Gebetspflicht zu verletzen, einen schwierigen Fall in wenigen Minuten aufklärte. In der Voraussetzung, daß der gefürchtete Inspektor an seinem höchsten Feiertag keinen Dienst tun werde, führte einer seiner „Kunden" an diesem Tag einen schweren Einbruchdiebstahl in der Wohnung eines jüdischen Großkaufmanns aus, der gleichfalls im Tempel betete. Mitten während des Gottesdienstes brachte ein Polizeibeamter Löbl die Nachricht. Aber der sonst so diensteifrige Inspektor ließ sich absolut nicht in seiner Andacht stören und quittierte, zum Erstaunen des Polizeibeamten, die Botschaft nur mit einem Kopfnicken, ohne vom Gebetbuch aufzuschauen. In der Pause, die dem Neilah-Gebet voranzugehen pflegt, verließ Löbl seinen Platz und ging ein paar Reihen zurück zu einem Bekannten, dem größten Stellenvermittler für Hauspersonal. Wenige Stunden nach Beendigung des Gottesdienstes war der Einbrecher schon verhaftet. . . Wie hatte Löbl dieses Kunststück fertiggebracht? Er war der Überzeugung, daß die Tat nur mit genauester Ortskenntnis begangen sein konnte; der Täter mußte ferner von einem Mitglied des Haushalts über die Dauer der Abwesenheit des Wohnungsinhabers, seiner Frau und Kinder am Feiertag informiert worden sein. Auch war das gestohlene Geld gut versteckt gewesen und hätte ohne Hilfe nicht gefunden werden können. Löbl ließ sich daher von dem Stellenvermittler das derzeitige und frühere Dienstpersonal des Bestohlenen nennen. Eine dieser Personen kannte Löbl bereits von einer früheren Diebstahlsaffäre her, und er zögerte nicht lang, zuzugreifen. So konnte schon ein paar Stunden später der Täter verhaftet und das geraubte Gut zurückgestellt werden. Dieses Kunststück — und auch die Tatsache, daß Nathan Löbl den Fall aufklärte, ohne den Feiertag zu entheiligen — verhalf dem alten Herrn zu seinem größten Ruhm. Er genießt ihn noch heute. Georg Heinrich Hugo von Hofmannsthal, Briefe 1900—1909, IL Folge. Bermann- Fischer Verlag. Wien 1937. Den Jugendbriefen Hugo von Hofmannsthals, die vor zwei Jahren hier angezeigt wurden, ist nunmehr eine Ausgabe der Briefe aus den Jahren 1900—1909 nachgefolgt, die eine zweite Periode aus dem Leben des Dichters, seine ersten Mannesjahre» widerspiegelt. 398

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