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Der Morgen · 1937-12-01 · Heft 9 (Dezember 1937) · p. 397

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 9 (Dezember 1937)
Article
Ein jüdischer Sherlock Holmes
Date
1937-12-01
Page
397 (sequence 2)
Language
German
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Czernowitz er Polizeichefs herausstellte, der ihn zu einem Besuch aufforderte. Löbl kam der Aufforderung nach> und der Polizeigewaltige, der von der detektivischen Leistung des jungen Juden erfahren hatte, forderte ihn auf, in den Polizeidienst einzutreten und in der Kriminalabteilung zu arbeiten. Der Polizeichef erbot sich selbst, alle amtlichen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, die der Anstellung eines Juden als Staatsbeamten entgegenstanden. Nathan Löbl ließ sich zureden und ging endlich auf den Vorschlag ein. Er wurde zum Kriminalbeamten ausgebildet, und seine auffallend großen detektivischen Fähigkeiten errangen allgemeine Anerkennung. Bald wurde er zum Inspektor befördert und blieb es bis zu seiner Pensionierung, die vor zwei Jahrzehnten erfolgte. Ein höheres Amt konnte er als Jude, und dazu noch als gläubiger, in der k. und k. Monarchie nicht erreichen; aber sein Ruhm drang weit über Czernowitz hinaus. Liest man heute eine der von Conan Doyle so geschickt erfundenen Sherlock Holmes-Oeschichten, so ist man von dem Vorurteil befangen, daß derartige Methoden in der Praxis des kriminalistischen Alltags nicht anzuwenden sind. Aber Inspektor Löbl ging, ohne eine Zeile aus derartigen Büchern gelesen zu haben, genau so vor, wie es der klassische Meisterdetektiv auch getan hätte. Löbl war einer der ersten Kriminalisten seiner Zeit, die ihre Theorien über rätselhafte Fälle auf winzigen Indizien aufbauten. Er. arbeitete — damals eine viel belachte Absurdität — mit Mikroskop, Reagenzglas und . . . Psychologie. Ein wenig Ziegelstaub auf einem Rockkragen diente ihm als Wegweiser, ein blutbespritzter Fetzen eines Hemdes führte ihn auf die Spur eines Landstreichers, der an einem Dorfwirt und dessen Frau einen Raubmord begangen hatte; und in Stanislau verhaftete er den Führer einer Kassen-Einbrecherbande, die lange Zeit hindurch ganz Mitteleuropa gebrandschatzt hatte: ein bißchen Mörtel auf dem Schuh eines „vornehmen Herrn" in einer Hotelhalle erwies sich als erfolgreiche Spur. Kein Wunder, daß von fern und nah alle Leute, vor allem Juden, die einen kriminalistischen Rat brauchten, zu Inspektor Löbl nach Czernowitz kamen. Häufig sah man kleine Bauern und Dorfkrämer, denen Pferde oder anderes Vieh gestohlen worden waren und die gleich das „Honorar" in Form von Eiern, Butter oder Käse mitbrachten. Aber Löbl nahm nie eine Extrazuwendung seitens seiner Klienten an, sondern stellte es ihnen frei, ihre Gaben einem wohltätigen Zweck -zuzuführen. Als frommer Jude hielt er es auch für nicht vereinbar mit den Geboten seiner Religion, nach dem Beispiel westlicher Detektive mit scharf geladenem Revolver seinen oft nicht ungefährlichen Dienst zu versehen. .Auch Handschellen gehörten nicht zu seinem Handwerkszeug, und niemals hat er den berühmten Satz „Im Namen des Gesetzes — Sie sind verhaftet!" ausgesprochen. Stets spielte sich das Ende eines „Falles" so ab, daß Löbl, der die meisten Gewohnheitsverbrecher von Czernowitz nur 397

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