Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 396 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895576-2907761--10261-2907819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
von reichem Wissen gibt uns endlich Aufschluß über eine der wichtigsten Perioden jüdischer Geschichte und zeigt den wahren — unpolitischen — Geist der Erhebung. „Durch das Blutzeugentum der Märtyrer, durch den Dienst im neugeweihten Tempel wurde für die Menschheit die einzige Wahrheit erhalten, die sie in ihrer tausendjährigen Wanderung, durch unzählige vermeintliche Wahrheiten enttäuscht und getäuscht, als unverrückbar und ewig gefunden hat: die Einzigkeit Gottes." Fritz Aronstein Ein judischer Sherlock Holmes „Czernowitz. — Vor kurzem feierte die große rumänische Stadt Cernauti, unter ihrem früheren Namen Czernowitz besser bekannt, ein interessantes Geburtstagskind; Inspektor Nathan Löbl, der „Skerloak Holmes der Bukowina'wurde 80 Jahre alt'. Wenn man den hochgewachsenen alten Herrn, der noch immer mit rüstigen Schritten durch die Straßen wandert und die vielen Grüße freundlich erwidert, danach fragt, wie er auf seinen für einen Juden so ungewöhnlichen Beruf verfiel, so bekommt man eine hübsche Geschichte zu hören: Nathan Löbl wollte einst Rabbiner und Talmudgelehrter werden wie sein Vater. Eines Tages aber war die ganze Judenschaft von Czernowitz in Aufregung — aus dem Tempel waren kostbare goldene Geräte gestohlen worden, ohne daß die Polizei Spuren entdecken konnte. Der damals zwanzigjährige Löbl war so empört über den frechen Diebstahl, daß er auf ^eigene Faust Nachforschungen nach den Tätern und dem gestohlenen Gut anstellte. Eine winzige Spur von Holzspänen, die er auf dem Altarteppich entdeckte, schien ihm einen Weg zu zeigen. Er besuchte einen wegen seiner Trunksucht bekannten Tischler, der seine Werkstatt unweit des Tempels hatte, und gab dort eine kleine Bestellung auf. Dabei gelang es ihm, einen Blick in die hinter der Werkstatt gelegene Wohnung zu werfen, und mm glaubte er seiner Sache sicher zu sein: in einer Ecke hing über einem Stuhl ein seidenes Tuch, das ebenfalls aus dem Tempel entwendet worden und wahrscheinlich zur Umhüllung der goldenen Geräte benützt worden war. Löbl ging sofort zur Polizei und berichtete von seinem Verdacht. Der Tischler wurde festgenommen und gestand die Tat; eine Haussuchung förderte aus dem Keller die gestohlenen Wertsachen zutage. Nathan Löbl hatte die ganze Angelegenheit fast schon vergessen und widmete sich wieder frommen Studien, als er eines Tages einen Amtsbrief der Polizeidirektion Czernowitz erhielt. Er erschrak. Ein Brief der Polizei an einen Juden in jener Gegend war damals kein angenehmes Vorzeichen. Desto größer war seine Überraschung, als sich der Brief als ein höchst freundlich gehaltenes Handschreiben des 396