Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Franz Kafkas Leben [Rezension]
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 392 (sequence 3)
- Language
- German
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Hans Bach ob er sie etwa überhaupt geleugnet und gemieden oder nur akzidentell verfehlt, aber im Prinzip erkannt und ... zu erleben gesucht hat" (226). Etwas einfacher ausgedrückt heißt das: ohne die dummen Zufälle seines Lebens wäre Kafka ein ganz brauchbarer Ehemann und Bürger geworden, das Zeug dazu hatte er. Daß ein Dichter den andern lieber nicht beim Worte nimmt, als daß er ihn in die Hände falscher Kritik geraten ließe, ist ein erstaunliches Schauspiel; noch erstaunlicher, wie materialistische Deutungen Brod sich zugesteht, wenn er z. B. von gewissen „unklaren" oder „unreinen Frauenangelegenheiten" der Frühzeit erklärt,, sie hätten in Kafkas Werk „viele Spuren hinterlassen'' (144). Er kommt nicht auf die Frage, warum nur jene Erlebnisse, nicht aber die große, echte Liebe und Freundschaft sich im Werk niedergeschlagen haben. Sonst hätte er schwerlich länger die Erkenn tnis vergessen können, daß Leben und Werk dieses Dichters eine Einheit bilden und eher das Leben durch das Werk erklärbar ist als umgekehrt. Notwendigkeiten über die „akzidentellen" Bedingtheiten dieses Lebens hinaus sieht auch er, doch nicht zwischen Leben und Werk: Kafka sei, sagt er, „infolge unserer vorläufig noch sehr niedrig organisierten Gemeinschaft an Widerständen gescheitert, die behebbar . . . waren, und der große Kampf im metaphysischen Sinn ist daher an der richtigen Stelle gar nicht zur Austragung gelangt" (192). Wozu beschreibt man dann nur das Leben dieses armen Kerls, der erst gar nicht dazu kam, „an der richtigen Stelle" metaphysisch zu kämpfen? Und dabei dachten wir doch, er hätte recht gut, recht kühn gekämpft, und an der richtigsten Stelle: gegen das eigne Herz! Es ist keine angenehme Aufgabe, Kafka gegen Brod in Schutz zu nehmen, urid doch muß es sein. Was könnte an einem Dichter gelegen sein, der nur ein zweiter Max Brod wäre, eine viel schwächere, unreifere Wiederholung? Verstehen und Mißverstehen sind hier enger ineinander verwoben, als es sonst der Fall zu sein pflegt. Brods Erinnerungen könnten nicht so unmittelbar, so überzeugend fließen, wäre ihm der Freund nicht noch sehr nahe, zu nahe, — so mit ihm verwachsen, daß die Gedanken ihm hinüber- und herüberfließen. Seine eignen Gedanken sind, von ihm selbst geformt, fördernd und sachgerecht; auf Kafka, auf eine andere Denkebene übertragen klingen sie falsch, ja schrill. Das Amt des Biographen verlangt außer der verstehenden Nähe auch die gemessene Distanz; die Nähe allein verzerrt das Bild. Besonders deutlich wird der Widerstreit, wenn Brod auf Kafkas Beziehung zum Judentum kommt; er nennt seine Deutung „eine realistisch-jüdische, in der der Zionismus als eine Lebensform von religiöser Relevanz aufgefaßt wird" (214). Uneingedenk seiner eignen Erinnerung, daß die „einzige kurze Trübung" der Freundschaft eintrat, als er Kafka mit seiner Erziehung zur Gemeinschaft, zum Zionismus „quälte" (178), macht Brod aus Kafka eine Art militanten Zionisten. In seinem „Zauberreich der Liebe" hat er das Verhältnis viel richtiger als eine innige Bemühung, als unbewältigte Sehnsucht dargestellt, und das gleiche bezeugt ein Brief, den er jetzt zitiert. Palästina gehört für Kafka allerdings fast in eine Reihe mit Ehe, Beruf und sinnvoller Gemeinschaft. Er erkennt sie als Maßstäbe für sich an, ist unglücklich, ihnen nicht zu genügen, sucht Bindungen und muß sie immerfort brüchig finden. Er verneint sie darum 392