Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Franz Kafkas Leben [Rezension]
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 390 (sequence 1)
- Language
- German
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Franz Kafkas Leben Auf den Schlußband der „Gesammellen Schriften" läßt Max Brod rasch die Ergänzung folgen, eine Biographie aus Erinnerungen und Dokumenten. Die Ausstattung ist der der Gesamtausgabe ähnlich; vier Fotografien Kafkas, eine Manuskriptseite, einige Zeichnungen von seiner Hand und ein Anhang mit weiterem Material sind wertvolle Beigaben des Bandes (Verlag Heinrich Mercy Sohn, Prag). Damit hat Max Brod, .der dem lebenden Kafka der treueste Freund und ein unermüdlicher Wegebahner zur Wirkung war, seine Bemühungen zu einem gewissen Abschluß gebracht, das zerstreute Erbe zu sammeln, zu sichten und der Öffentlichkeit vorzulegen. Ohne sein stetes Eintreten für den Freund, ohne seinen Entschluß, über eine zweifelhafte und zweideutige Verfügung, die die Vernichtung des Nachlasses vorsah, hinwegzugehen, hätte außer dem engsten Freundeskreis nie jemand von diesen Werken erfahren, die nun überall in der Welt Menschen erschüttern, verwirren und trösten. Wem je Franz Kafka mehr als ein bloßer Name wird, der hat es Max Brod zu danken. Die Biographie läßt nun erkennen, wie weit die vorläufige Erschließung des Nachlasses reicht. Die Gesamtausgabe enthält die ausgearbeiteten Werke vollständig, ebenso die Tagebücher der Jugendjahre; die späteren Tagebücher, die mehrere Bände umfassen und worin es streckenweise von Plänen, Entwürfen und Skizzen „wimmelt" (S. 178), sowie die Briefe sind erst in einzelnen Proben bekannt. Aus dem umfangreichsten, dem „Brief an den Vater*', der mit hundert Seiten ein eigenes Werk darstellt, zitiert Brod einige Stellen; die Briefe aus Zürau an ihn selbst, die Kafkas religiöse und ethische Entwicklung (besonders Kierkegaard-Studien) erhellen, behält er einer Sonderveröffentlichung vor; außerdem sind „einige hundert" Briefe an die Braut, „viele" aus der Zeit der zweiten Liebe erhalten. Mehr als die Hälfte des Vorhandenen, vielleicht gar nur ein Drittel, umfassen also die bisherigen VeröffenÜichungen nicht; man wüßte das gern genauer. Um so dankenswerter ist Brods Versuch einer Biographie, die, auf der Übersicht über das ganze Material beruhend, die Lücke einigermaßen füllt. Sie enthält eine weitere Auswahl von Tagebuchstellen, so reich, daß ein besonderes Register dafür erwünscht gewesen wäre; sie führt außer dem genannten „Brief an den Vater", der die Grundlage zum Verständnis Kafkas darstellt, Briefproben an die Braut und an die Eltern, Selbstgespräche über den Entschluß zur Ehe an und verwertet Berichte der Vorgesetzten im Amt, der späteren Lebensgefährtin, des Arztes. Vor allem jedoch zieht Brod seine eignen Erinnerungen und Tagebücher heran, die vielfach die des Freundes ergänzen, und da das Leben die beiden Freunde lange Jahre hindurch in enger Verbindung ließ, erweitert die Beschreibung sich an manchen Stellen zu einem Doppelbildnis, das gerade als Zeugnis des Freundes von hohem dokumentarischem Wert und, so aufgefaßt, unersetzlich ist. Als kluger und feinfühliger Kritiker hat Brod schon immer seine Aufgabe darin gesehen, die Schwierigkeiten dieses Werkes durch behutsame Deutung zu heben. Er faßt jene Arbeiten zusammen und verwertet ihre tragenden Formulierungen; viele davon, so die tiefe Deutung 390