Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 353 (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Seligmann Baer (R. Jizchak ben Arjeh Josse/ Dow), Sseder Awodat Jissrael. Zweite verbesserte Auflage. Schocken-Verlag, Berlin 5697 (1937). „Die Geschichte des Gottesdienstes wird durch die Geschichte der religiösen Ideen bestimmt; was im religiösen Denken im Vordergrund steht, strebt danach, sich auch im Gottesdienste durchzusetzen/' Diese Worte aus Elbogens grundlegendem Werke „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" lassen erkennen, wie viele verschiedene Gedanken und Auffassungen an dem Werden des Gebetbuches in seiner traditionellen Form beteiligt sein müssen. Der jüdische Gottesdienst hat in allen Jahrhunderten, in denen Juden beteten, Zusätze erhalten^ und aus allen seinen zeitlich bedingten Erscheinungsformen sind Reste in dem heutigen Gebetbuch zu finden. In der ältesten Zeit wußte man nur vom Opfer und kannte die Psalmen als Gebete des Einzelnen. Besondere Gelegenheiten — Fasttage — vereinten größere Gemeinden, aber es gab noch keine festgefügte „Ordnung" des Gebets, keinen Sseder oder Ssidur tefilla. Als man im babylonischen Exil mit Vorlesungen aus der Schrift begann, entwickelte sich im Anschluß daran nach der Rückkehr eine neue Form der Gemeinschaftsgebete, die sich um die nun regelmäßigen Vorlesungen gruppierten. Eine Reihe von Stammgebeten kristallisierte sich aus alle den vielen Formeln und Ausrufen Einzelner heraus, von denen viele im talmudischen Schrifttum überliefert sind, und an diese knüpften dann die späteren Gebete an. Jede Zeit hat das ihre hinzugetan, und die alten Gebetbücher und Gebetordnungen — die von dem Gaon Raw Amram ben Scheschna im 9. Jahrhundert zusammengestellte (Sseder tefillot uwrachot schel schana kulla) und besonders die „Sammlung der Gebete und Lobgesänge" des Gaon Saadja ben Jossef aus dem 10. Jahrhundert, der Ssidur Raschi und der Machsor Vitry aus Frankreich zeigen, daß es recht verschiedene Minhagim, Bräuche, gab, die sich nach den Orten unterschieden. Auch heute noch weicht etwa der deutsche (aschkenasische) von dem spanischen (sefardischen) oder italienischen Ritus ab. Trotzdem bildeten sich gleichförmige Grundlinien heraus, doch oft überwuchert von poetischen Zutaten (Piutim, Sslichot, Jozrot, Kerowot etc.) und den unzähligen Minhagim, deren eigentlicher Sinn in Vergessenheit geriet. Erst in neuerer Zeit hat man sich auf die alte Ordnung besonnen, und zugleich mit der Reform des Gottesdienstes sind die ersten kritischen Textausgaben von Wolf Heidenheim und Seligmann Baer (1825—1897) veranstaltet worden. In seinem Sseder Awodat Jissrael (1868) hat Baer sämtliche Gebete für das ganze Jahr und alle Einzelheiten und Zutaten in der überlieferten Anordnung textlich einwandfrei herausgegeben und einen Kommentar beigefügt, in dem er (neben dem Nachweis der zitierten Stellen und verschiedener Lesarten und Riten) eine fortlaufende Erklärung der einzelnen Gebete und ihres Zusammenhangs gibt: ein ungeheures Unternehmen, das die ganze Tiefe und Vielfalt der religiösen 353