Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Meyer Isler
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 337 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß: Meyer Isler. Ein jüdisches Gelehrtenleben Als sich die Tore des Ghettos zu öffnen begannen, hatte die Hamburger jüdische Gemeinde eine Reihe markanter Köpfe in ihrer Mitte. Da war vor allen andern die eindrucksvolle und unbeugsame Gestalt des Chacham Isaac Bernays, noch heute fast ein wenig geheimnisvoll. Zwei seiner Söhne verkörpern Glanz und Gefahr der neuen Epoche in der Geschichte des Judentums in Deutschland: Jacob Bernays, der weitberühmte klassische Philologe, Freund Mommsens und der Fürstin zu Wied, der zeitlebens strenggläubiger Jude blieb („kein Tag in seinem Leben, da er die Gebetriemen nicht um den Arm und das Haupt legte"), und sein Bruder Michael Bernays, kaum weniger berühmt und vielleicht noch gefeierter in seiner Wirksamkeit als Münchener Universitätsprofessor, aber der angestammten Religion früh entfremdet, ja von bitterer Abneigung gegen sie erfüllt... Nicht weit von diesen leidenschaftlich ringenden Menschen steht eine bescheidene Gestalt, die an harmonischer Ausgewogenheit, tiefer Güte und milder Festigkeit fast an einen griechischen Philosophen, noch besser an einen unsrer eignen frühen Gesetzeslehrer erinnert: Meyer Isler. Er war lange Jahre Direktor der Hamburger Stadtbibliothek, um Bildung und Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert hoch verdient, und ist doch heute fast ein Verschollener zu nennen. Es lohnt, den aufrichtig graden Weg zwischen den beiden Welten, der deutschen und der jüdischen, den sein Forscherleben ihn führte, einmal wieder nachzugehen: nicht nur das Leben eines in seiner Schlichtheit Hebens- und bewundernswerten Menschen, sondern das Bild einer ganzen verschwundenen Zeit steigt damit vor uns auf, aus einer Fülle von Zeugnissen, wie sie so reich selbst in jener schreibseligen Epoche sonst selten fließen. Eine handschriftliche Lebensgeschichte und Stöße hinterlassener Briefe an die Familie, an die jüdischen Gelehrten Zunz und Jost und an Islers Vetter S. M. Ehrenberg, den Leiter der Samson-Schule in Wolfenbüttel und Franz Rosenzweigs Urgroßvater, befinden sich im Besitz von Islers Enkelin, der Witwe des allzu früh uns entrissenen Malers E. M. Lilien, die diese reichen Schätze aufs freundlichste zur Verfügung gestellt hat. Es ist eine Familie von jüdischen Pädagogen, wie sie damals nicht selten war. Der Vater Israel Abraham — Isserle, wie er als Kind genannt wurde, und Isler sind Weiterbildungen des Namens Israel — wurde als 13jähriger Junge mit sechs Talern in der Tasche in die Welt oder vielmehr „auf Jeschiwaus" geschickt, um in fremden Talmud-Schulen sein Wissen zu vervoll- 337