Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Das Ende der Bünde
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 334 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Günter Friedländer sehe Einstellung den Formen der Gesellschaft gegenüber oft beibehalten. Im Bund hatte man eine eigne Formenwelt; jetzt ist diese Form fragwürdig geworden, die bestehende der Geselligkeit wird dadurch jedoch noch nicht annehmbar. Lehnt man Tanz und Bridge ab, findet man Fahrtenlieder im Zimmer nicht am Platz und „Probleme wälzen" oder selbst gute Musik zur Entspannung zu anstrengend, — was dann? Diese Schwierigkeiten stoßen viele in die Eigenbrötelei, andre, wenn auch widerstrebend, schließlich in die Gesellschaft. Was tue ich mit meiner Freizeit?, fragt sich fast jeder jüdische Jugendliche. Denn selbst nebenberufliche Kurse füllen die Freizeit nicht aus, die nach dem Achtstundentag des Angestellten und dem Sechsstundentag des Schülers übrigbleibt. Zu Hause hört man von Sorgen, über die man sich gerade in der Freizeit erheben will. Ein eigenes Zimmer steht nur wenigen zur Verfügung. Überall aber, mit Ausnahme weniger Großgemeinden, ist der Kreis Gleichaltriger schon so stark gelichtet, daß jeder mit den gleichen paar Altersgenossen immer zusammen sein muß. Ein Gefühl der Unzufriedenheit, dann des Unfriedens stellt sich ein. Man reibt sich aneinander, weiß aber im gleichen Augenblick, daß man aufeinander angewiesen bleibt. Die Ausbrüche solcher nervösen Unzufriedenheit lassen das Gefühl entstehen, in der Enge ersticken zu müssen. Das Gefühl, nicht am rechten Platz, nicht erwünscht noch gar notwendig und gesucht zu sein, wirkt sich am verhängnisvollsten in der Berufswahl aus. Der jüdische Jugendliche muß sich mit vierzehn oder fünfzehn Jahren für seinen Beruf entschieden haben; natürlich ist er meist zu unreif dazu, eine wirkliche Wahl zu treffen. Er sucht aus richtigem Instinkt, länger in der Schule zu bleiben, die Entscheidung hinauszuschieben; er verliert an Selbstvertrauen, kennt sich nicht aus, findet nicht die rechten Berater und kann deshalb nicht einmal die Möglichkeiten der Ausbildung nutzen, die ihm zur Verfügung ständen.. Deshalb ist frische Hoffnung, mitreißende Tatkraft, selbstsicherer Wagemut selten. Heimatlos und doch zum Leben in der Enge verurteilt, ohne rechte Hoffnung, ohne einen Blick in die Weite ist der Durchschnitt der Jugend, die es zu erziehen gilt. Das sind die Zustände, die behoben — und zwar rasch behoben — werden müssen, wenn die Besserungen der jüdischen Jugend überhaupt noch in größerem Ausmaß zugute kommen sollen. Die Juden in Deutschland werden je länger je mehr danach beurteilt werden, wie diese Jugend sich in der Ferne bewährt. Kann sie sich — immer auf den Durchschnitt hin gesehen — bewähren, wenn sie nicht aus dem Gefühl, daß daheim alles technisch Mögliche und menschlich Mögliche für sie getan worden ist, Freude, Selbstvertrauen, inneren Halt und — Achtung 334