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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 331

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Hersch Ostropoler
Date
1937-11-01
Page
331 (sequence 1)
Language
German
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Walter Laaser: Hersät Ostropoler, ein judischer Eulenspiegel Drückende Not, ständige Nahrungssorgen und grauestes Elend, unvorstellbare Armut und äußerste Hilflosigkeit haben in der Folge der Generationen unter den jüdischen Menschen des europäischen Ostens die Jenseitigkeit, Glaubensbereitschaft und Erlösungshoffnung geschaffen, die in der großen Bewegung des Chassidismus ihren Ausdruck fanden. Der Betrachter hat sich daran gewöhnt, diese ganze Gruppe der jüdischen Gemeinschaft unter Blickpunkten, zu betrachten, die sich aus der bald wieder verfallenden chassidischen Lehre ergeben. Ihre Entwicklung führt von religiösem Führertum zu mystischen Adepten und Charlatanen, von Verzückung zum Aberglauben und von inniger Erlösungssehnsucht zu Prahlereien mit den Fähigkeiten und Taten des ortsansässigen Wunderrabbis. Doch gerade in der Blütezeit des Chassidismus im 18. Jahrhundert gehört zu dem Heiligen als Gegenbild und Gegengewicht — der Narr. Hersch aus Ostropol ist im Volksmund des Ostens zu dem Narren schlechthin geworden, zu einem jüdischen Till Eulenspiegel. Sproß einer stolzen Familie kabbalistischer Gelehrter, gleich der Mehrzahl seiner Zeitgenossen in bitterster Armut lebend, zog Hersch im Lande umher, um Kargheit, Dummheit, Geiz und Bosheit zu verspotten und die Juden nach der Lehre des Rabbi Baruch von Miedziborz, des Enkels des Baal Schern Tob, vor Traurigkeit zu behüten. Seine Geschichten haben derbe und feine, zynische und weise Töne; sie sind selbst ein Stück vom jüdischen Volksleben des Ostens. Der stets hungrige Hersch wurde von einem bekannten Geizhals zum Essen eingeladen. Es gab eine Suppe, deren ersten Teller der Gastgeber sich mit den Worten nahm: „Jeder ist sich selbst der Nächste." Den zweiten gab er seiner Frau und sagte: „Mann und Frau sind ein Leib." Dann teilte er seinen Kindern zu mit dem Spruch: „Ein Vater hat Erbarmen mit seinen Kindern." Den Rest der Suppe, der nichts als Wasser war, bekam Hersch, der sie sich betrachtete und dann zum Hausherrn sagte: „Auch ich habe einen Vers aus der Heiligen Schrift gefunden: 'Ich werde Euch mit reinem Wasser besprengen'." Womit er ihm die Suppe über den Kopf goß. Einst kam Hersch zu Rabbi Baruch und bat, ihm eine schwierige Talmudstelle zu erklären, als die er dann einen Text vorbrachte, der etwa lautet: „Und was würdet ihr sagen, wenn ihr nichts zu essen hättet?" Der Rabbi begriff und schenkte ihm Geld. Bald darauf kam Hersch mit derselben Frage, und der Rabbi erinnerte ihn an die klingende Antwort, die er ihm 331

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