Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Die Bibel im neuen Palästina
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon: Die Bibel im neuen Palästina her, nach und nach / du darfst sie nicht rasch vernichten können, sonst überwüchse dich das Getier des Feldes. / Aber ER, dein Gott, gibt sie vor dein Antlitz hin"*), so wird es manchem, der angjesichts dieser furchtbaren Worte erschrickt, geradezu ein Glaubenstrost sein, wenn ihm die Bibelkritik versichert oder versichern könnte, daß diese Sätze, die die Völker Kanaans jeden eigenen Lebenssinnes berauben und ganz zum Mittel für Israels Geschichte machen, menschliche Zutat seien und nicht Worte des lebendigen Gottes. In diesem Sinne ist der Versuch Martin B u b e r s willkommen zu heißen, in seinem großen bibelwissenschaftlichen Werk „Das Kommende", dessen erster Band „Königtum Gottes" bereits in zweiter Auflage vorliegt, während der zweite „Der Gesalbte" im Druck ist, die kritische und die gläubige Haltung miteinander zu vereinen, nicht im Sinne einer verstaubten „Vermittlungstheologie", sondern den Versuch wagend, innerhalb der die Urschicht des Textes verändernden biblischen Traditionen selbst Unterschiede zu machen zwischen echter und falscher, den ursprünglichen Geschehenskern bewahrender und verfälschender Tradition. Es ist zu hoffen, daß eine hebräische Übersetzung oder Darstellung diesen neuen Forschungsweg und seine Ergebnisse auch für Palästinas geistiges Leben fruchtbar machen werde. Doch auch die palästinensische Wissenschaft selbst hat jetzt ein in dieser Hinsicht bedeutendes Werk hervorgebracht: Jecheskel Kaufmanns hebräisch geschriebene „Geschichte des israelitischen Glaubens", deren erster Band im Dwir-Verlag erscheint Die streng wissenschaftliche Untersuchung kommt zu Ergebnissen, die zwar selber in sich durchaus bibelkritisch sind, aber die bisherigen Annahmen der Bibelkritik offenbar ernstlich erschüttern. Kaufmann erweist, daß der biblische Monotheismus nicht gleichsam religionsgeschichtlich aus dem Kampf mit Heidentum und Mythologie entstanden sei, sondern daß es sich hier um eine nicht weiter ableitbare „ursprüngliche Intuition" Israels handle. „Ursprüngliche Intuition" ist ein wissenschaftliches Wort für einen psychologischen Tatbestand. Man kann sich damit begnügen, wenn man glaubt, daß die großen Ideen in der Seele der Einzelnen oder Völker gleichsam von selbst emporsteigen. Wer das nicht anzunehmen vermag, wird auch nach Kaufmanns Darlegungen weiterfragen und als Urheber jener „ursprünglichen Intuition" von der Einheit und Einzigkeit Gottes keinen andern nennen können als Gott selbst, für seine Wirkungsform auf uns keine andere als die der Offenbarung. Damit wäre der Weg frei für eine neue Wirkung der Bibel im jungen Erez Israel. *) Zitiert nach der Übersetzungvon Buber—Rosenzweig. 330